Journalismus Schweiz 2010
Über SI Online stosse ich auf ein „Interview in drei Folgen“ mit Roger Federer. Mit vielen auch privaten Aussagen des wichtigsten Schweizer Sportlers aller Zeiten. Ich weiss jetzt zum Beispiel, dass bei Federers "überall etwas Spielzeug" herumliegt. Autor, respektive Interviewer, ist der "Head Publications" der Crédit Suisse, Daniel Huber. Erschienen ist das Interview im eMagazine der CS. Es ist ein Produkt der PR-Abteilung der Schweizer Grossbank, die seit November 2009 „Partner“ von Roger Federer ist.
Mein erster Reflex ist negativ: "So weit ist es also gekommen mit unserem Journalismus."
Doch mein zweiter Gedanke ist nüchterer: "Eigentlich ist das nur ehrlich und konsequent."
"Unabhängige" Federer-Interviews gibt es spätesten seit der Übernahme der Vermarktung des Produkts Federer durch die IMG nicht mehr. Die Sportreporter der "unabhängigen" Medien kennen die Spielregeln. Sie würden es nie wagen, etwas über Roger Federer zu veröffentlichen, das ihm und seinen PR-Strategen missfällt. Sie würden riskieren, bald nicht mehr zum erlauchten Kreis derer zu gehören, die über den Superstar aus der Schweiz berichten dürfen.
Ihre Chance, jemals ein exklusives Interview mit Roger Federer zu erhalten, das heute schon höchst theoretisch ist, würde auf Null sinken. Ihre Aussicht, von ihrem Chefredakteur weiterhin mit der Federer-Berichterstattung betraut zu werden, wäre dahin und damit neben dem Redaktions-internen Renommee auch das Privileg der zahlreichen, attraktiven Auslandsreisen.
Und wenn ich das CS-Interview mit den Federer-Stories vergleiche, die in den letzten Monaten in den "unabhängigen" Medien erschienen sind, dann muss ich anerkennen: das Interview des Sponsors ist reichhaltiger. Es bietet mehr als die üblichen Interviews. Es befriedigt das Bedürfnis der Leser mit etwas Privatem, mit viel Smalltalk und einfach simpler Bewunderung.Für Journalisten das natürlich ein Frust. Und für die Medienhäuser müsste es ein Alarmzeichen sein. Für ein reines Bewunderungsinterview - und viel mehr wollen die Federer-Fans auch nicht lesen - braucht es keinen "unabhängigen" Jounalismus. Das kann der PR-Chef eines Sponsors mindestens so gut, wenn nicht besser. Er hat den Zugang zu Federer und kann sich die Exklusivität sichern wann immer er will.
Machtnetz von Roger Federer: Vorteil Federer
Seit der Tenniscrack Finanzen und Vermarktung an internationale Experten delegiert hat, geht es nur noch aufwärts.
Text: Stefan Barmettler
Das Federer-Paradox: Jahrelang war er der Dominator, doch erst seit er «nur» die Nummer zwei ist, dreht er kommerziell im Overdrive. «King Roger» verdient heute mit Werbe- und Sponsoringverträgen so viel wie nie zuvor – zwischen 20 und 30 Millionen Franken im Jahr. Zum Global Brand machte ihn James M. Kilts, Chef von Gillette, als er ihn 2008 zum «Gillette Champion» kürte und seither gemeinsam mit Tiger Woods und Thierry Henry weltweit vermarktet. Der Millionendeal ist die Folge der Professionalisierung der Federer GmbH. Bis vor kurzem setzte der Crack auf eine rührige Inhouse-Organisation, bestückt mit Familie und Freunden. Letztere hat er mehrheitlich aussortiert und durch international versierte Spezialisten abgelöst. Nur eines haben auch die cleversten Berater bisher nicht geschafft: ihn in der Finanzindustrie zu verankern. Zwar warb Federer mal für ATAG Asset Management, doch der internationale Druchbruch war dies nicht. Ein nächstes Engagement ging vor drei Jahren in die Binsen: Federers Manager bandelten mit Maurice Greenberg, Chef des Finanzkonzerns AIG, an, der die Japan Open Tennis Championships sponserte. Der Deal scheiterte. AIG hängt heute am Tropf des Staates. Seine Attraktion könnte er steigern, wenn er Ende Juni Wimbledon gewinnt.Seine Vertrauten Federers Vertraute sind um die Roger Federer Foundation drapiert. Da hat der Berner Christoph Schmocker Einsitz, der die Stiftung seit 2006 im Zehn-Prozent-Pensum betreut. Schmocker ist ein Stiftungsprofi: Er leitet bei der UBS die Optimus Foundation, die weltweit benachteiligte Kinder unterstützt. UBS und Federer: In Bankerkreisen hält sich das Gerücht, dass die UBS Federers Hausbank sei. Zu seinen täglichen Ansprechpartnern gehören Severin Lüthi, sein Coach, Pierre Paganini, sein Fitnesstrainer, und Reto Staubli, ein ehemaliger Schweizer Meister im Tennis, der bei der Credit Suisse angestellt ist und seinem alten Kumpel an den Turnieren psychologischen und taktischen Zuspruch leistet. Zum inneren Zirkel zählt auch Géraldine Dondit, die beste Freundin von Federers Frau Miroslava (Mirka). Sie kümmert sich um Organisatorisches. Ein Freund der Familie ist Urs Wüthrich, basellandschaftlicher SP-Regierungsrat, der ebenfalls in der Federer-Stiftung einsitzt. Dort trifft er auf Tony Godsick, Direktor des US-Sportvermarkters IMG. Dieser soll die Stiftung mit Frischgeld versorgen, damit sie Projekte in Äthiopien und Südafrika vorantreiben kann. Godsick ist eine gute Besetzung: Er ist umgänglich und zäh. Verheiratet ist der professionelle Geldeintreiber aus Cleveland, Ohio, mit der ehemaligen Profispielerin Mary Joe Fernandez.Die Widersacher Trennungen vom Personal gehen beim Grand-Slam-Seriensieger meist ohne Kräche vonstatten. Eine Ausnahme gibt es: Marc Biver, ehemaliger Schweiz-Chef der Vermarktungsfirma IMG, spie Gift und Galle, als ihm Federer 2003 den Rücken kehrte. Dieser fühlte sich zu wenig effektiv beraten, die grossen Deals schlossen andere ab. In der Folge setzte er auf sein Inhouse-Management. Erst 2005 fanden Federer und IMG wieder zusammen, seither wird der Superstar direkt aus den USA betreut. Derweil lästerte Phil de Picciotto, Direktor beim Sportvermarkter Octagon, über die Strategie. Die Marke Federer generiere nie jene Dollars, welche die Strahlkraft eigentlich hergeben müsste. De Picciotto bekam dennoch keinen Vermarktervertrag und musste sich mit der «Swiss Miss», Martina Hingis, begnügen. Sportlich liefert sich Federer einen Zweikampf mit dem Spanier Rafael Nadal. Dieser wird wie er von IMG vermarktet.Die Berater Der Grand-Slam-Multisieger hat Rechtsfragen aller Art an Filippo Beck ausgelagert, Partner bei der Advokatur Wenger Plattner. Er ist Spezialist für Sportrecht und in New York als Anwalt zugelassen. Einer der Kanzleipartner ist Swissair-Liquidator Karl Wüthrich, den Beck bei der Airline-Abwicklung tatkräftig unterstützte. Federers Paragrafenreiter kümmert sich auch um die RF Cosmetics, die unter seinem Kürzel wohlriechende Schönheitsprodukte vermarktet. Zum Beraterteam gehört Thomas Graf von der Zürcher Kanzlei Niederer, Kraft & Frey. Dem Rat des Steuerexperten ist es wohl zu verdanken, dass der Sportler 2007 von Oberwil BL nach Wollerau SZ umzog. Zwar besitzt Federer über dem steuermilden Zürichsee ein Appartement, gilt aber nicht als aggressiver Steueroptimierer. Sonst hätte er sich längst nach Dubai oder Monaco davongemacht. Die Geldgeber Lukrativ ist der Ausrüstervertrag, den Federer mit Phil Knight, Gründer von Nike, abschloss. Fünf Millionen Dollar soll er jährlich einbringen. Ein starkes Stück war es, als Federer vorzeitig aus dem Fünfjahresvertrag mit der Uhrenfirma Maurice Lacroix ausstieg und als Ablöse eine Million auf den Tisch legte. In der Folge verband er sich (zum zweiten Mal) mit dem Edelkonkurrenten Rolex. In dieselbe Luxusklasse gehören Allianzen mit Mercedes und NetJets, der Fliegerflotte von Warren Buffett. Dank dieser ist der Federer-Tross oft mit einer Falcon 2000 EX unterwegs. Ungleich kleinere Brötchen backt man in der Heimat. Da ist er mit Swiss und Jura liiert, für Emmi wird der mehrfache Weltsportler künftig nur noch sporadisch aktiv sein.Die Familie Mutter Lynette, Vater Robert, Schwester Diana und Ehefrau Mirka bilden den Kern des Clans. Vater und Mutter arbeiteten für Ciba Geigy, er in Basel, sie in Südafrika. Sie fördern den Filius, seit er mit acht Jahren im TC Old Boys Basel auf dem Platz stand. Heute sind die Eltern primär für die Familienstiftung unterwegs. Die um knapp zwei Jahre ältere Schwester hält sich diskret im Hintergrund. Kennen gelernt haben sich Roger und Mirka an der Olympiade 2000 in Sydney. Die schwangere Mirka, passionierte Blackberry-Userin, hält ihm den Rücken frei und koordiniert die Termine. Gebündelt sind die Aktivitäten der Familie in der Tenro AG in Bottmingen BL.
Roger Federer im Gespräch: Seine mentale Stärke
Daniel Huber, Head Publications
19.05.2010 Im Exklusivinterview erzählt Roger Federer, wie er sich auf dem Tennisplatz mental auf die entscheidenden Punkte eines Matches vorbereitet und wie er die schwierige Zeit 2008 erlebt hat, als er nur noch die Nummer 2 war.
Ein Interview in drei Folgen
Im Februar 2010 erhielt die Credit Suisse die Gelegenheit, Roger Federer beim Besuch eines Schulprojekts in Äthiopien zu begleiten, das von seiner Foundation unterstützt wird. Folgendes Gespräch fand ein Tag danach in der Lobby des Wohnhochhauses in Dubai Marina statt, wo Roger, wie er sich selber bei der Begrüssung tags zuvor vorgestellt hat, einen zweiten Wohnsitz hat.
Daniel Huber: Irgendwie hatte ich mir vorgestellt, du hättest hier in Dubai wie Michael Schumacher eine Villa auf einer der aufgeschütteten Palmeninseln.
Roger Federer: Vom Unterhalt her sind Wohnungen viel praktischer, gerade wenn man wie wir nur sehr wenig zu Hause ist. Wir wohnen auch in der Schweiz in einer Wohnung.
Und wo trainierst du hier inmitten all dieser Hochhäuser?
Gleich um die Ecke in einem Hotel mit Tennisplatz und Fitnesszentrum. Da sind die Trainingsbedingungen ideal.
Wie frei kannst du dich hier in Dubai bewegen?
Wir leben hier eigentlich recht normal, gehen am Strand spazieren, in die Shopping Malls einkaufen und in die Restaurants essen. Klar werden wir erkannt und die Leute bitten ab und zu um ein Autogramm. Aber eigentlich kann ich immer noch alles machen, was ich will.
Gibt es nach den Hunderten von Interviews eine Frage, die du nicht mehr hören und erst recht nicht beantworten möchtest?
Eigentlich nicht, ich kann mich immer noch recht gut motivieren für Interviews. Ich lass mich immer wieder gerne auf neue Gesprächspartner ein.
Mit vielleicht zehn Tennisstunden bin ich nie über das Stadium eines Anfängers hinausgekommen. Immerhin weiss ich, dass ich vermutlich keinen Ball von dir retournieren könnte.
Tennis ist ein schwieriger Sport, gerade auch von der Koordination her. Jedenfalls ist es kein Sport, bei dem ein zweitägiger Kurs reicht, um schon ein bisschen spielen zu können. Das braucht schon mehr. Und je später man anfängt, umso weniger gut kann man noch werden.
Und wann ist der ideale Zeitpunkt, um mit Tennis anzufangen?
Spätestens im Alter von 10 Jahren, besser vorher. Dann kann man sich gewisse koordinative Grundfähigkeiten und das Bewegen mit dem Ball noch sehr einfach verinnerlichen.
Ich kenne in St. Gallen einen Wirt, der in jungen Jahren als grosses Tennistalent galt und gegen dich eine positive Bilanz geltend macht. Offenbar hat er als 18-jähriger dich geschlagen als du 14 Jahre alt warst. In welchem Alter gingen dir in der Schweiz die Gegner aus?
Meine grössten Fortschritte, körperlich wie technisch, machte ich wohl zwischen 14 und 16 Jahren, als ich in das Tennisleistungszentrum nach Ecublens ging. Mit 16 Jahren war ich dann in der Schweiz bereits in den Top 10. Da gab es schon nicht mehr so viele, die mich schlagen konnten. Insofern war 14 gerade noch ein gutes Alter, um mich als weniger bekannter Spieler zu schlagen.
Aber eine Martina Hingis schlug mit 14 Jahren keiner mehr in der Schweiz.
Nein, ganz sicher nicht. Aber die Mädchen sind körperlich auch viel früher erwachsen als die Buben. Den nötigen Power beim Aufschlag bekam ich erst mit 15, 16 Jahren.
Wo holst du die mentale Stärke, um in den entscheidenden Momenten eines Tennismatches die Punkte für dich zu entscheiden?
Du musst es im Kopf möglichst einfach halten. Du sagst dir, ich gebe bei jedem Punkt 100 Prozent, und probierst im Moment, gut zu spielen. In einem sehr wichtigen Augenblick versuchst du dann bewusst, mit deinen Stärken in die Schwäche des Gegners zu gehen. Das lässt sich natürlich nicht immer so einfach umsetzen, zumal der Gegner das Gleiche versucht. Aber du musst für dich selber ein klares Ziel vor Augen haben und dich möglichst nicht vom Gegner führen lassen. Natürlich muss man im Tennis das Spiel immer wieder anpassen. Schliesslich ist es ein Reaktionssport. Es gibt nur einen Schlag, den du voll und ganz kontrollieren kannst, und das ist der Aufschlag. Bei allen anderen musst du reagieren, aber möglichst mit einem Plan dahinter.
Einmal abgesehen von der Geschwindigkeit, scheint Tennis auf der mentalen Ebene viel mit Schach gemeinsam zu haben. Da plant der Spieler aber viele Züge im Voraus. Wie ist das beim Tennis?
Im Tennis kannst du vielleicht eineinhalb Schläge im Voraus planen. Ich serviere den Ball auf einen bestimmten Punkt, wo ich weiss, dass der Ball in der Regel auf eine bestimmte Art zurückkommt und dann habe ich verschiedene Optionen. Wenn du zu weit voraus planst, dann wirst du unweigerlich überrascht, was schlecht ist.
Wie stark beobachtest du den Gegner während des Matches auf dem Platz?
Praktisch nicht. Ab und zu sagen mir die Leute nach dem Spiel: Hast du gesehen, was der andere wieder gemacht hat? Das nehme ich überhaupt nicht wahr. Nach jedem Punkt drehe ich mich sofort weg. Mich interessiert gar nicht, was der Gegner macht, wie er sich fühlen könnte. Ich konzentriere mich lieber auf mich. Klar, wenn ich im Spiel sehe, dass er verletzt ist, dann checke ich das ein-, zweimal ab. Aber so etwas sollte dein Spiel nicht verändern. Denn wenn es dann doch nichts ist, dann wirst du wieder überrascht.
Aber wenn der Gegner eine Schwäche zeigt, dann nutzt du das schon gezielt aus?
Natürlich.
Wie ist das mit dem Gentleman Agreement, dass man im Tennis nicht voll auf den Mann spielt?
Nun gut, das habe ich früher eigentlich noch recht oft gemacht, musste es fast machen, weil die Spieler oft sehr nahe ans Netz kamen. Dann blieb mir fast keine andere Wahl und das Agreement rückte etwas in den Hintergrund. Aber natürlich schiesse ich keinen mit einem Smash ab, der zwei Meter vor mir steht. Auf den Körper zu servieren, ist aber Gang und Gäbe. Auf die Distanz triffst du den Gegner auch nicht.
Der ehemalige Tennisprofi und Trainer Brad Gilbert beschreibt in seinem Buch "Winning Ugly" einen eigentlichen Psychokrieg auf dem Tennisplatz. Empfindest du das auch so?
Ich muss immer ein bisschen schmunzeln, wenn ich sehe, was die Leute in gewisse Aussagen von mir hineininterpretieren. So hat John McEnroe nach meinem Sieg in Australien in einem Interview gemeint, dass ich all meine Erfahrung des Psychokriegs ausgenutzt hätte, indem ich vor dem Final sagte, der Druck auf Murray sei viel grösser als für mich, weil ich ja schon alles gewonnen hätte. Und dann hätte ich auch noch den angeschlagenen Fuss Murrays voll ausgenutzt. Das ist natürlich völliger Blödsinn, zumal auch der vermeintlich angeschlagene Fuss dann gar kein Problem war. Ich sehe das nicht als Psychokrieg. Ich sage einfach meine Meinung. Dass Murray mit null Grand-Slam-Siegen in einem Final mehr als ich den Sieg braucht und entsprechend unter einem grösseren Druck steht. Das ist einfach so.
Dann gibt es während des Matches auch keine kleinen Bemerkungen beim Vorbeigehen?
Vor meiner Zeit soll es tatsächlich ab und zu solche Bemerkungen wie „Ah, wirst du langsam nervös?“ oder so gegeben haben. Aber in den über 800 Matches, die ich schon gespielt habe, kam das noch nie vor. Klar, gibt es so kleine Gesten, dass, wenn ich einen Punkt verliere, sich der Gegner überschwänglich freut, um mich zu ärgern, oder die Intensität wechselt, indem er sich mehr Zeit beim Aufschlag herausnimmt. Oder der Gegner nörgelt ständig oder schaut bei einem Punktgewinn ungläubig zu mir herüber, wie um zusagen, ich hätte immer so viel Glück. Aber das gehört einfach dazu. Darüber hinaus wären heute auf dem Center Court irgendwelche unsauberen Bemerkungen oder sonstige Mätzchen angesichts der totalen Überwachung durch die Kameras gar nicht mehr möglich.
Ist es für dich mental ein Vor- oder Nachteil, als Nummer 1 auf den Platz zu kommen?
Ich habe schon immer gesagt, dass ich als Nummer 1 besser Tennis spiele als vorher. Ich bin gerne im Lead und habe die Sache unter Kontrolle. Auch behagt mir die Erwartungshaltung, dass ich es bin, der gewinnen sollte. Ich fand es schwieriger, die Nummer 1 zu werden, als sie jetzt zu verteidigen. Irgendwann kamst du zum Punkt, wo du die Nummer 4 schlagen musstest, dann die 3, die 2 und schliesslich die 1 - und das gleich mehrmals und dann noch das nächste Turnier gewinnen. Das war enorm stressig. Als Nummer 1 ist das viel ausgeglichener. Ich weiss, dass ich, wenn ich gut spiele, alle schlagen kann.
Eigentlich könntest du es dir auch etwas einfacher machen und dir sagen: Ein Platz unter den Top 10 ist ja auch schon mehr, als die meisten je erreicht haben.
Meine Karriere verlief eigentlich recht klassisch. Der erste grosse Schritt war der Wechsel zu den Profis, dann sich dort erfolgreich zu behaupten. Dann spielte ich irgendwann das erste Mal auf dem Center Court. Dann kommt Top 100, Top 50, Top 10, Top 5. Aber wenn du es einmal zur Top 10 gebracht hast, dann wird dir plötzlich bewusst: Jetzt habe ich eine reelle Chance auf die Nummer 1. Ab jetzt bist du gesetzt und spielst nur noch an den grossen Turnieren.
Irgendwie hat man den Eindruck, dass dich das Verlieren der Nummer 1 und das Zurückerobern danach sogar noch stärker gemacht hat.
Diese Zeit hat sicher auch ihr Gutes gehabt. Eigentlich ist es klar, dass man nach sieben Jahren Dominanz auch einmal verlieren muss. Ich habe ja vorher ebenfalls nicht jedes Turnier gewonnen. Ausserdem war mir schon immer wichtig – egal wie es gerade lief - mich ständig weiterzuentwickeln. Ich bin immer auf der Suche nach neuen Mitteln und Wegen, um vorwärtszukommen und mein Leben abwechslungsreich und spannend zu gestalten. So habe ich einmal Dubai als Trainingsort ausprobiert und plötzlich hatte ich hier diese neue Basis. Im Übrigen war auch 2008, als es weniger gut lief und ich nur noch die Nummer 2 war, trotz allem keine schlechte Saison. Ich stand in allen grossen Turnieren mindestens im Halbfinal. Mein Problem war, dass ich die Top-5-Spieler nicht mehr so einfach schlagen konnte wie früher. Ab und zu gelang es mir zwar immer noch, doch habe ich sie nicht mehr so dominiert wie vorher. Während dieser Zeit gab es für mich aber immer gute Gründe, warum ich nicht ganz in Topform war. Ich hatte zum einen dieses Pfeiffer`sche Drüsenfieber und zum anderen Rückenprobleme, die meinen Trainingsaufbau durcheinander brachten. Im Nachhinein wäre es vielleicht besser gewesen, weniger Turniere zu spielen. Aber vermutlich würde ich es wieder so machen.
Viele Sportjournalisten hatten dich damals bereits abgeschrieben. Wie stark verfolgst du die Berichterstattung und die Kommentare über dich in den Medien?
Klar bekomme ich ab und zu etwas mit. Das grössere Problem waren für mich die Pressekonferenzen. Die Journalisten fragten mich ständig: Was ist los mit dir? Wäre ein neuer Coach nicht besser? Was ist mit deiner Vorhand? Dieses ständige Beantworten von negativen Fragen hat mir schon etwas zugesetzt und vielleicht auch gewisse Selbstzweifel geweckt in mir. Anderseits ist es schon schräg, dass man sich als Nummer 2 der Welt ständig erklären muss.
Wie bedrohlich ist für dich das Damoklesschwert einer Krankheit oder Verletzung?
Bei uns ist das Risiko einer Verletzung eigentlich nicht so gross, sicher nie so gross wie zum Beispiel bei einem Skirennfahrer. Unser Problem sind die Abnutzungserscheinungen. Darum ist es für uns so wichtig, die ersten Anzeichen eines Problems möglichst früh zu erkennen und entsprechend zu reagieren. Allerdings spiele ich sicher 80 Prozent der Zeit mit Schmerzen. Irgendetwas tut immer weh. Aber häufig verschwinden diese Schmerzen beim Aufwärmen wieder oder der Physiotherapeut kann sie wegmassieren. Es ist enorm wichtig, dass man seinen Körper sehr gut kennt und ein gutes Frühwarnsystem hat. Darum sind für mich auch die Pausen zwischen den Turnier-Einsätzen so wichtig - nicht nur physisch, sondern auch mental. So ein Turnier ist für mich nicht nur auf dem Platz eine enorme Belastung. Alle wollen auf Ihre Rechnung kommen: die Fans, die Sponsoren, die Journalisten, und immer ist man beobachtet. Entsprechend sind diese Zwischenphasen wie jetzt enorm wichtig für mich. Dann kehrt auch die Lust zurück, mit Leuten zu sprechen, Interviews zu geben, und so weiter.
Daniel Huber: Du schaffst es, deine Familie zwar immer dabeizuhaben, aber trotzdem deine Privatsphäre zu wahren. Wie machst du das?
Roger Federer: Meine Familie ist mir sehr wichtig. Ich brauche einen Ort der Ruhe, wo ich mich zurückziehen kann. Diese Trennung von Privatleben und Öffentlichkeit ist gar nicht so schwierig, solange du nicht in Hollywood oder London lebst. Insofern schotte ich mich auch nicht so stark ab, wie viele meinen.
Statt Hollywood und London ist es bei euch also die Region Zürich und Dubai. Wie viel Zeit verbringst du im Jahr an diesen beiden Wohnsitzen?
Vielleicht je zwei Monate. Den Rest des Jahres sind wir unterwegs.
Wirst du es nicht langsam müde, immer aus dem Koffer zu leben?
Im Gegenteil: Ich reise immer noch sehr gerne. Klar ist das ständige Ein- und Auspacken manchmal etwas lästig und ich würde manchmal gerne noch zwei, drei Tage länger an einem Ort bleiben. Aber das gehört irgendwie dazu. Und klar werde ich es nach meiner Tenniskarriere etwas ruhiger nehmen. Aber ich werde sicher noch viel reisen.
Wie geregelt ist dein Reisen? Steigst du zum Beispiel an den verschiedenen Turnier-Standorten immer in den gleichen Hotels ab?
Anfänglich wollte ich immer wieder in neue Hotels. Das hat sich schnell gelegt. Heute gehe ich immer in die gleichen. Da weiss ich, was mich erwartet, da kenne ich die Leute und das Umfeld. Für mich wird es immer wichtiger, mich auch fern von zu Hause an einem Ort zu Hause zu fühlen.
Wie sieht für dich ein normaler Trainingstag zu Hause in Dubai aus?
Ich versuche zuerst genug Schlaf zu bekommen, damit ich körperlich und mental optimal regenerieren kann. Dann stehe ich auf, dusche, frühstücke.
Hast du ein spezielles Ernährungsprogramm?
Eigentlich nicht. Ich habe mich einmal bei einem Ernährungsberater erkundigt, was er mir empfehlen würde. Darauf meinte dieser: „Du bist ohne meine Hilfe die Nr. 13 der Welt geworden, dann kannst du es auch ohne meine Hilfe zur Nr. 1 bringen. Doch wenn du mal einen Tipp von mir willst, dann ruf mich an. Bis jetzt habe ich ihn noch nicht angerufen.
Wir waren beim Frühstück.
Danach geh ich stretchen, mach fünf bis zehn Minuten ein paar Aufwärmübungen, und gehe dann zum Konditionstraining, zirka eine Stunde lang. Und dann trainiere ich so zwei Stunden lang auf dem Tennisplatz. Anschliessend gehts zum Mittagessen. Von drei bis fünf Uhr folgt entweder nochmals eine Konditions- oder eine Tennis-Session. Dann komme ich zurück, dusche und erhalte eine Massage. Das ist von sechs bis acht und danach gibts Nachtessen.
Trinkst du zu einem guten Nachtessen auch mal ein Glas Wein?
Das kanns schon mal geben. Wie gesagt, ich bin da nicht sehr strikt bei meiner Ernährung.
Zum Stretching gibt es ja auch verschiedene Theorien. So ist zum Beispiel Läuferlegende Carl Lewis völlig gegen das Stretching.
Früher hab ich vor dem Tennis spielen kaum gestrecht. Das war aber vor allem, weil ich keine Lust dazu hatte. Heute lass ich mich stretchen vom Physio. Während dieser Zeit kann er auch sonst noch ein paar Sachen durchchecken. Ich find es heute sehr gut. Ich habe weniger Muskelkater und fühl mich auch sonst beweglicher. Klar mache ich vor einem Fünfsätzer nicht eine halbe Stunde Stretching. Das macht für mich keinen Sinn. Andere tun das und fühlen sich gut dabei. Meiner Meinung nach kann es dich verlangsamen.
In den letzten Monaten wurde in den Medien viel über die Krise in Dubai berichtet. Die Menschen würden fluchtartig das Land verlassen und teilweise ihre Autos irgendwo am Strassenrand stehen lassen. Wie erlebst du die Krise in Dubai?
Viel darüber gelesen und fast nichts davon gesehen. Allerdings gehe ich auch nicht auf die Suche nach irgendwelchen Anzeichen der Krise. Interessant ist jedoch schon, dass vor der Krise immer alles so extrem positiv war. Dieser positive Geist war geradezu ansteckend. Wer hier war und irgendwie negativ über Dubai sprach, bekam schnell mal zu hören: „Was willst du denn hier, wenn du so negativ bist?“ Durch die Krise sind nun plötzlich Fragen aufgetaucht und eine gewisse Ernüchterung hat sich breit gemacht. Und vielleicht hat es tatsächlich etwas weniger Verkehr auf der Strasse. Aber ich bin eigentlich überzeugt, dass Dubai gestärkt aus der Krise hervorgehen wird.
Und wie sieht es in deinem Hochhaus aus. Wie viele der Wohnungen sind leer?
Bei uns sind kaum welche leer. Das Problem sind offenbar auch eher die kleineren Appartements mit ein, zwei Zimmern, von denen am Schluss noch so viele gebaut wurden.
Wie wichtig ist dir deine Wohnung? Oder anders gesagt: Wie stark nimmst beim Einrichten Anteil?
Ich diskutiere gerne mit Mirka über das Einrichten der Wohnung. Ob wir mal was wagen oder doch lieber auf Nummer sicher gehen sollten; oder wie wichtig uns der reine Wohlfühlfaktor ist. Wir bekommen natürlich von all den schönen Hotels, in denen wir rund um die Welt wohnen, eine Fülle von Inspirationen.
Aber Ihr richtet nicht ständig eure Wohnungen neu ein?
Nein, hier in Dubai ist es seit vier Jahren recht gleich geblieben.
Musstet ihr nicht wegen der Kinder ein bisschen umstellen?
Eigentlich nicht gross. Aber es gefällt mir, wie plötzlich viel mehr Farbe und Leben in die Wohnung gekommen ist. Überall liegt etwas Spielzeug rum. Dadurch wirkt die Wohnung wohnlicher. Man spürt, dass Leben drin ist.
Zieht ihr jeweils auch Innendesign-Berater zu Rate?
Bis jetzt noch nicht. Allenfalls mal, wenn wir das Chalet umbauen.
Ihr habt ein Chalet in den Bergen?
Ja in Valbella, aber bis jetzt war ich bedingt durch meine Reiserei noch nicht viel dort.
Fährst du denn noch Ski?
Anders als irgendwelche Fussballer habe ich keinen Vertrag unterschrieben, der mir das verbieten würde. Insofern wäre es mein eigener Fehler, wenn etwas passieren würde. Ehrlicherweise muss ich zugegeben, dass ich trotzdem aufgehört habe, Ski zu fahren. Vor allem auch, weil die Kälte dem Körper nicht so gut tut. Das gleiche gilt eigentlich für alle etwas riskanteren Sportarten, wie zum Beispiel auch Squash. Aber das ist keine grosse Einschränkung für mich. Das kann ich ja immer noch machen, wenn ich mal nicht mehr profimässig Tennis spiele.
Aber den kleinen Lauf mit den Schulkindern auf den holprigen Acker in Äthiopien hast du trotzdem mitgemacht?
Stimmt, da war auch sicher ein gewisses Risiko dabei. Aber irgendwo muss man ein gesundes Mass behalten.
Daniel Huber: Hast du Vorbilder – im Sport oder auch auf andern Gebieten?
Roger Federer: Viele zählen bei der Frage nach ihren Idolen jeweils ihre Eltern auf. Da muss ich immer schmunzeln. Die Eltern sind doch einfach die Eltern. Die sind eh am Anfang die wichtigsten Menschen im Leben und müssen entsprechend auch keine Idole sein.
Was war das Wichtigste, was dir deine Eltern mitgegeben haben?
Vermutlich schon meine Weltoffenheit. Allerdings bin ich dann schon ab 13 Jahren selber viel herumgereist; dann sicher auch der Respekt gegenüber anderen Menschen. Mein Vater war sicher immer sehr fordernd, dagegen war meine Mutter eher die weichere, die mich tröstete, wenn ich Heimweh hatte oder es mir sonst nicht so gut ging.
Was waren danach deine Vorbilder im Sport?
Inspirationen für meine Tenniskarrieren waren sicher Boris Becker und Stefan Edberg. Ihnen hab’ ich nachgeeifert, wollte so gut wie sie werden, Wimbledon gewinnen.
Aber sie scheinen dein Tennis nicht entscheidend geprägt zu haben?
Vielleicht ja schon. Gewisse Sachen hab ich ihnen sicher abgeschaut oder mal ausprobiert. Grundsätzlich finde ich es aber sehr wichtig, seinen eigenen Stil zu entwickeln. Man kann Sachen mal ausprobieren, die man bei anderen gesehen hat, aber man darf sie nicht einfach kopieren, sondern sie innerhalb des eigenen Spiels mit eigener Ausprägung integrieren.
Wie heissen deine Idole ausserhalb der Tenniswelt?
Sicher Michael Jordan. Ich habe früher recht gut selber Basketball gespielt und schau mir immer noch gerne ab und zu ein Spiel an.
Mittlerweile wirst du ja bei den Diskussionen um die grössten Sportler aller Zeiten in einem Atemzug mit Mohammed Ali und Michael Jordan gehandelt. Wie ist das für dich?
Das ist natürlich schon etwas Besonderes. Es war bereits speziell für mich, als ich mehr Erfolg hatte als Stefan Edberg und Boris Becker. Für mich ist es immer wieder unglaublich, wenn mir bewusst wird, wie weit ich es im Tennis schon gebracht habe und dass ich mittlerweile über meine Sportart hinaus tatsächlich mit diesen Grössen verglichen werde. Es freut mich auch, dass ich so meinen Teil dazu beitragen kann, dass die Sportart Tennis populärer wird.
Hast du Muhammed Ali schon mal an einem dieser Sportlerehrungen kennengelernt?
Nein bis jetzt nicht. Ich bin auch zu jung, als dass ich mal einen seiner Kämpfe am Fernsehen hätte live anschauen können. Aber natürlich habe ich viel über ihn gehört - vor allem auch seine Sprüche - und viele seiner Highlights gesehen. Er hat schon enorm polarisiert, aber genau das bewundere ich an ihm, zumal er ja auch den sportlichen Erfolg hatte.
Du bist weltweit die Nummer 1 des Tennis und auch Sprecher der Spielervereinigung. Was ist für dich ein guter Leader?
Irgendwie hatte ich den Leader schon immer ein bisschen in mir. Sei es beim Fussball oder auch in der Schule. Ich habe häufig die Aufmerksamkeit auf mich gezogen, und es war mir auch nie unangenehm, im Mittelpunkt zu stehen. Ich war zwar anfangs eher ein schüchternes Kind, aber das hat sich dann übers Tennis bald geändert. Ein guter Leader darf sich nicht zu schade sein, vorne an der Front zu stehen, wenn es hart auf hart kommt. Die Art und Weise, wie er die Krise bewältigt, zeichnet den Leader aus. Er braucht sicher eine grosse Portion Selbstvertrauen und muss mit breiten Schultern auftreten. Ich nehme ja nicht nur im Tennissport und bei meiner Foundation eine Leader-Rolle ein, sondern auch bei meinem Team. Und da merke ich immer wieder, wie wichtig es ist, einerseits eine klare Richtung vorzugeben und andererseits auch immer wieder zuzuhören und offen für Kritik zu sein.
Wie würdest du deinen Führungsstil beschreiben?
Bei uns herrscht eine sehr entspannte Stimmung. Es wird häufig sehr offen diskutiert. Transparenz ist für mich sehr wichtig. Gleichzeitig wird auch die Erfahrung um die gegenseitigen Stärken immer grösser. Und wir vertrauen einander fast blind.
So gesehen war für dich sicher auch die Zeit, als es nicht optimal lief, im Rückblick eine spannende. Wie krisenerprobt ist dein Team?
Wenn auf der Welle des Erfolgs alles nur noch rosa erscheint, dann ist während der Krise plötzlich alles nur noch schwierig. Während der schwierigen Zeit 2008 kam ich an einen Punkt, an dem ich für mich nochmals alles sehr genau analysierte und zum Schluss kam, dass meine Arbeit eigentlich gut war und ich das Richtige gemacht hatte. Entsprechend hielt ich auch an meinem Team fest. Aber dieses ständige Hinterfragen der eigenen Arbeit ist wichtig, und entsprechend habe ich das auch schon vor der Krise gemacht.
Dann hattest du in dieser Zeit keinen Wechsel im Team?
Ich habe einzig den Masseur durch einen Physiotherapeuten ersetzt. Aber das hätte ich sowieso gemacht, weil ich Rückenprobleme bekommen hatte und diese gezielter angehen wollte.
Im Fussball wird als Erstes der Trainer ausgewechselt, wenn der Erfolg ausbleibt.
Der Coach ist in allen Sportarten eine sehr umstrittene Figur. Niemand weiss genau, wie stark er tatsächlich für Erfolg oder Misserfolg verantwortlich ist. Am Schluss ist es immer der Athlet, der die Leistung bringen muss. Anders als beim Tennis kann der Coach im Fussball aber auch während des Spiels relativ direkt Einfluss nehmen. Er kann in der Pause die Taktik neu definieren, Spieler austauschen. Er kann zudem mehr oder weniger gut die verschiedenen Egos zu einem Team zusammenfügen. Und wenn ein Coach ausgetauscht wird, dann sind wieder alle Karten neu gemischt. Alle kriegen wieder eine neue Chance, auch die Spieler auf der Bank. Gleichzeitig sind die Stammspieler wieder etwas verunsichert. Das kann sicher einen neuen, positiven Impuls geben. Im Tennis mag das auch etwas der Fall sein, weil man dem neuen Coach sein Können beweisen will. Aber der Effekt ist sicher nie so gross.
Und trotzdem ist er auch im Tennis wichtig.
Bei einem Einzelsport wie Tennis ist der Kontakt sehr viel direkter. Die Beziehung ist viel unmittelbarer. Du lebst praktisch zusammen mit dem Coach und isst dreimal am Tag mit ihm. Ein Tenniscoach kennt seinen Spieler vermutlich nach einer Woche besser als ein Fussballtrainer sein Team nach zehn Jahren. Insofern ist es kaum vergleichbar. Ich hatte, kurz nachdem ich 2003 die Nummer 1 wurde, während zweier Jahre keinen Coach. Damals hatte ich im Übrigen auch kein Management. Da musste ich alles selber machen, bis hin zu den Verhandlungen mit den Sponsoren. Das war eine extrem lehrreiche Zeit für mich, wo ich gelernt habe, Entscheidungen zu treffen.
Was hättest du nebst Tennis auch noch gerne gemacht?
Vielleicht Fussball-Profi. Ich war als Junior ein recht guter Spieler. Aber dann musste ich mich für eine Sportart entscheiden. Beides ging nicht mehr. Andererseits musste ich mir glücklicherweise nie die Frage stellen, was ich gerne machen möchte, wenn es mit dem Tennis nicht klappen sollte. Ich bin ja mit 14 Jahren von zu Hause weg ins Tennisleistungszentrum nach Ecublens. Und wenn ich da nicht reüssiert hätte, dann wäre ich wohl zurückgekommen und hätte mir diese Frage stellen müssen. Aber so kam sie erst gar nie auf.
Ich hab gelesen, dass du auch gerne ein Rockstar geworden wärst.
Natürlich. Aber zuerst wäre ich immer noch lieber in einer anderen Sportart ein Star geworden. Andererseits hat ein Leadsänger einer Rockband viel gemeinsam mit einem Tennisspieler, sei es von der Inspiration her oder auch vom Live-Kontakt mit den Fans. Beim Tennis ist der ebenfalls sehr direkt, und die Reaktion auf einen Ausrutscher kommt unmittelbar und trifft einem gnadenlos ins Gesicht.
Aber ein Instrument spielst du nicht.
Nein, nicht mehr. Früher habe ich mal Klavier gespielt und sogar Stunden genommen.
Du sagst, dass du gerne und gut Basketball gespielt und im Fussball als Talent gegolten hast. Es scheint, dass du eine Art Ball-Gen in die Wiege gelegt bekommen hast.
Ballsportarten haben eine extreme Eigendynamik. Die Art und Weise, wie der Ball mit mehr oder weniger Eigendrehung aufspringt, wie er auf unterschiedlichen Oberflächen rollt – das sind alles Erfahrungswerte, die man beim Spielen schon sehr früh zusammen mit den notwendigen koordinatorische Fähigkeiten aufbauen kann. Und dann hast du es für immer in dir drin. Darum ist es wirklich wichtig, dass du vor zehn Jahren mit dem Tennis anfängst.
Aber beim Tennis gibt es ja gar keinen direkten Ballkontakt.
Das Racket wird zu einer Verlängerung deines Arms - insofern schon.
Bleiben wir noch beim Fussball. Mit deiner Mutter aus Südafrika bist du in der komfortablen Situation, dass du gleich zwei Teams an der WM-Endrunde in Südafrika hast. Hast du irgendeine Beziehung zum südafrikanischen Team?
Eigentlich nicht. Andererseits bin ich bei solchen Turnieren immer ein bisschen auf der Seite des Heimteams. Wenn es diesem gut läuft, springt der Funken der Begeisterung einfacher aufs ganze Turnier über. Das war doch super in Südkorea oder auch in Deutschland. In der Schweiz bei der EM leider nicht. Aber mein Herz schlägt schon ganz klar für die Schweizer Nationalmannschaft. Ich habe auch etwas Kontakt zu einigen der Spieler. Als sie am Anfang der Quali gegen Luxemburg verloren, hat mich Hitzfeld zu einem Treffen mit dem Team eingeladen.
Hast du noch verwandtschaftliche Verbindungen nach Südafrika?
Ein bisschen. Doch habe ich fast keine Zeit mehr, dorthin zu reisen. Meine Eltern gehen in der Regel noch zweimal im Jahr nach Südafrika.
Eine gewisse Parallele zwischen dir und der Schweizer Fussball-Nati scheint es bei bei vermeintlich schwächeren, frühen Gegnern im Turnier zu geben. Du hast zwar nicht wie die Nati gegen Luxemburg verloren, aber zum Beispiel in Australien mit dem Erstrundengegner Igor Andrejew fast am meisten Mühe gehabt.
Andrejew war immerhin die Nummer 35 der Weltrangliste und damit klar besser als Luxemburg. Aber so ist das im Sport - egal ob im Tennis gegen einen klar schlechter Klassierten oder im Fussball als Nati-A-Team gegen einen Zweitligisten. Da läuft es am Anfang nicht ganz so gut und plötzlich kommen die ersten Zweifel und alle denken, was wenn? Beim Tennis ist es zudem so, dass jeder nur so gut spielen kann, wie es der Gegner zulässt. Einzelne Ballwechsel entwickeln sich völlig anders bei einem schlechteren Gegner als bei einem Topplayer. Beim Fussball mag das ganz ähnlich sein. Man kennt die Spieler nicht, wird von ihrem unkonventionellen Spiel überrascht. Und dann hat man Pech und kriegt ein Tor.
Was traust du dem Schweizer Team an der WM-Endrunde zu?
Eine Prognose ist natürlich enorm schwer. Grundsätzlich muss das Ziel in der Vorrunde sein, zwei von drei Matches zu gewinnen. Sich vor dem Turnier richtig einzuspielen und als Team zueinanderzufinden, kann man ja leider nicht. Insofern mag es im Vergleich zur EM ein Vorteil sein, dass mit den FC-Basel-Spielern Alex Frei, Marco Streller, Benjamin Huggel und vielleicht auch Valentin Stocker mehrere aus der gleichen Mannschaft im Aufgebot sind, die sich kennen und damit eine gewisse Grunddynamik mitbringen. Was das die Mannschaft im internationalen Vergleich Wert ist, wird sich zeigen.


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