4/27/2010

Wofür stand einmal der 1. Mai ?

Wofür stand einmal der 1. Mai ?
In Berlin ist der 1.Mai immer noch ein Kampftag


von Niklas Allgaier (politik.de)
26.04.2010

Seinen Ursprung hatte der 1. Mai in der nordamerikanischen Arbeiterbewegung, die am 1. Mai 1886 auf dem Chicagoer Haymarket zum Generalstreik aufrief, um für den Achtstundentag zu demonstrieren.
Die Stürmung einer friedlichen Versammlung durch die Polizei, zwei Tage nach der ersten Mai-Kundgebung, führte zu einer Eskalation der Gewalt; sieben Polizisten und wohl die dreifache Anzahl an Demonstranten wurden getötet.Die sogenannte Haymarket Affair wurde zum Fanal für die internationale Arbeiterbewegung und Symbol für die Unterdrückung der arbeitenden Massen.Auf dem Gründungskongress der Zweiten Internationalen in Paris wurde der 1. Mai zum internationalen „Kampftag der Arbeiterklasse“ ausgerufen. Er war somit Dank der Globalisierung des Industriekapitalismus wohl einer der ersten weltweit begangenen säkularen Feiertage. Doch es sollte noch dauern bis der erste Mai in Deutschland zum gesetzlichen Feiertag erklärt wurde. Schuld daran war die Spaltung der deutschen Linken. Der Gesetzentwurf zum 1. Mai scheiterte in der Weimarer Nationalversammlung an der Unabhängigen Sozialdemokratischen Partei Deutschlands (USPD), die ihre Zustimmung von der gleichzeitigen Einführung eines Revolutionsfeiertages am 9. November abhängig machte. Deutschlands Arbeiterbewegung war stets zerrissen zwischen Reform und Revolution, aufstiegsorientiertem Kleinbürgertum und Arbeiterklasse. Ein einheitliches Klassenbewusstsein hatte sich nie ausgeprägt, obwohl die Arbeiterbewegung zunächst prägende Kraft der Weimarer Republik war.

Die Spaltung der deutschen Linken

Spätestens seit dem Stinnes-Legin-Abkommen, in dem die deutsche Industrie die Gewerkschaften und die von ihnen abgeschlossenen Tarifverträge anerkannten, war die Arbeitnehmervertretung zur politischen Macht geworden. Als große Teile der Gewerkschaftsbewegung durch einen Generalstreik den Kapp-Putsch vereitelten und die junge Demokratie verteidigten, gab es Anlass anzunehmen, die Arbeiterbewegung spräche mit einer Stimme. Doch diese Einigkeit währte nicht lange. Während die SPD am sogenannten Blutmai 1929 das vom Berliner Polizeipräsidenten verhängte Demonstrationsverbot einhielt, hielt die Kommunistische Partei Deutschlands (KPD) ihre Mai-Kundgebung auf offener Straße ab. Die preußische Polizei tötete an diesem 1.Mai 33 Zivilisten und ging teilweise mit Schusswaffen auf die unbewaffneten Demonstranten los. Der sozialdemokratische Polizeipräsident Zörgiebel wurde darauf von Seiten der KPD hart angegriffen. Zörgiebel saß so zwischen allen Stühlen, wurde 1933 schließlich aus dem Dienst entlassen und kam in Gestapo-Haft.Als der von der SPD tollerierte Reichskanzler Brüning 1931 die Leistungen der Arbeitslosenversicherung in Folge der Weltwirtschaftskrise massiv kürzte und die Löhne senkte, schien sich der alte Spruch aus den Anfangsjahren der Republik „Wer hat uns verraten, die Sozialdemokraten“ für viele Arbeiter wieder einmal zu bewahrheiten.

Berlin durchbricht die Routine

So ist es die Ironie der Geschichte, dass der 1.Mai erst von den Nationalsozialisten zum Feiertag erklärt wurde.Nach dem zweiten Weltkrieg wurde der 1. Mai von dem Alliierten Kontrollrat als Feiertag fortgeführt und in der BRD wie auch in der DDR als gesetzlicher Feiertag institutionalisiert. In Ostberlin marschierte die Nationale Volksarmee der DDR in einer waffenstarrenden Militärparade vor den Parteikadern, die auf der Ehrentribüne an der Karl-Marx-Allee standen, vorbei. In der BRD war die Arbeiterbewegung seit der in der Nachkriegszeit beginnenden Wohlstandsepoche durch eine starke Entideologisierung geprägt. Der 1. Mai war so kaum mehr als eine folkloristische Selbstdarstellung von Parteien und Gewerkschaften. In Westberlin wurde diese Routine 1987 unterbrochen: Als am 1. Mai Autonome in der Nähe eines friedlichen Straßenfestes einen unbesetzten Polizeiwagen umwarfen, setzte sich eine Gewaltspirale in Gang, die bis heute nicht unterbrochen wurde. Die Polizei löste das Straßenfest unter Einsatz von Tränengas und Schlagstöcken gewaltsam auf. Besucher des Festes errichteten sofort Barrikaden, zwangen die Polizei zum Rückzug. Der alte Postleitzahlbezirk 36 wurde zur herrschafts- und polizeifreien Zone. Der U-Bahnhof Görlitzerstraße wurde in Brand gesetzt und Supermärkte geplündert. Wie die Polizeistrategie dieses Jahr aussehen wird, bleibt offen. Sicher scheint nur, dass es zu Ausschreitungen kommen wird und sich auf kleinstem Platz friedlich feiernde Menschen, Staatsschutz, Polizei, betrunkene Jugendliche, Autonome und Touristen begegnen werden. Und das an einem Tag, der von der Öffentlichkeit trotz drängender sozialer Probleme immer weniger als politischer Feiertag und mehr als Gewaltorgie wahrgenommen wird.

http://www.politik.de/information/dossier-wofr-stand-einmal-der-1-mai-441.html

0 Comments:

Post a Comment

<< Home