7/16/2008

Wimbledon - Tagebuch 2008

Wimbledon - Tagebuch 2008
von Dieter Nagel –
www.livesportphoto.com

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Was macht ein Tennisfotograf, der jedem, der es hören wollte, und auch denen, die es nicht interessierte, in 2007 erklärt hat, dies sei nach fast zwanzigjähriger Tätigkeit sein letztes Jahr auf der WTA-Tour? Wenn Spielerinnen wie Hingis, Davenport und Schultz-McCarthy nach ihrem erklärten Karriereende noch mal zurückkommen, dann kann das der Nagel schon lange. Noch nicht einmal die inzwischen unerträglichen German Open in Berlin, die man allerdings lieber verschweigen sollte, konnten an meinem Plan etwas ändern: ein letztes Mal die große England-Tour – Birmingham – Eastbourne – Roehampton (=Qualifikationsturnier für das Wimbledon-Hautfeld – und als Höhepunkt WIMBLEDON - wenigstens die erste Woche dieses zweiwöchigen Grand-Slam-Turniers.

Dienstag, 3. Juni 2008
Schon zwei Wochen vor Abreise plagen mich Zahnschmerzen, denn von einem plombierten Zahn ist ein weiteres Stückchen abgebrochen. Bei meinem Zahnarzt bekomme ich erst einen Termin für heute, aber die jetzt notwendige Wurzelbehandlung, die sich über vier Wochen zöge, ist vor meiner anstehenden Englandreise nicht zu machen. Er füllt den Zahn provisorisch und verspricht, daß ich keine Schmerzen haben werde und es vier Wochen halten wird, nach Rückkehr würden wir dann mit der Behandlung loslegen.

Freitag, 6. Juni 2008
Es ist wie mit Weihnachten: monatelang liegt alles noch in weiter Ferne, und plötzlich ist vor der Abreise noch so viel zu tun, daß ich an keinem Abend ruhig einschlafen kann, immer in der Sorge, ob ich alles, was noch erledigt werden muss, auch schaffe.
So sind noch diverse Foto-CD’s zu brennen - als kleine Präsente für einige Spielerinnen - und einige Bestellungen zu tätigen für Fotobücher, die ich unmittelbar nach meiner Rückkehr für einige Beachvolleyballerinnen brauche.
Zumindest die Tasche mit Geschenken für meinen englischen Freund Chris ist gepackt.
Am Nachmittag schalte ich noch schnell automatische Antworten auf allen e-Mail-Servern und aktualisiere meinen Facebook-Status.

Samstag, 7. Juni
Start um 7:00 Uhr von Hamburg nach Calais; das Navigationsgerät, deren Stimme ich Estefania (frei nach Dieter Bohlen: „Die einzige Frau, von der ich mir etwas sagen lasse, ist die Stimme aus dem Navi“, und seine damalige Freundin hieß halt Estefania) genannt habe, gibt die Fahrtzeit von 725 km mit 6:25 Std. an. Abfahrtszeit der gebuchten Überfahrt ist 15:15 Uhr, also mehr als leicht zu schaffen.
Zufällig kommt Andre aus Montabaur exakt minutengleich zur selben Zeit an: um genau 13.00 Uhr. Die Umbuchung auf eine frühere Abfahrt wäre einfach, aber würde 20,- Euro Gebühr kosten. Wir entscheiden uns dafür, auf die gebuchte Abfahrt zu warten. Dafür sind wir auch beide die ersten in der Warteschlange. Wir haben uns zwar viel zu erzählen, denn das letzte Treffen liegt fast eine ganze Woche zurück, aber auf dem windigen Platz entscheiden wir uns nach kurzer Unterhaltung doch, jeweils in den Autos zu warten.

Kaum an Bord, beginnt auf den Fernsehern der Fähre das French-Open-Finale Ana Ivanovic – Dinara Safina. Wir suchen uns schnell Plätze, von denen man einen Fernseher sehen kann. Exakt mit Ankunft in Dover verwandelt Ana ihren ersten Matchpoint und gewinnt ihr erstes Grand-Slam-Turnier. Wir gönnen es ihr von Herzen, war sie doch bei jedem unserer bisherigen Treffen stets freundlich und liebenswürdig. Zu einem Off-Court-Shooting ist es wegen zeitlicher Probleme leider nie gekommen. In Eastbourne vor zwei Jahren, als sie zwar angereist war, aber wegen einer Verletzung dann vor Spielantritt zurückziehen musste, wäre es beinahe soweit gewesen, denn sie war von unseren Referenzen sehr beeindruckt, aber dann kam doch etwas dazwischen.

Von Dover fahren wir mit beiden Autos in das ca. 90 km entfernte Royal Tunbridge Wells, wo wir bei meinem Freund Christopher, dem damaligen Leiter des ehemaligen “Steffi Graf International Supporters’ Club“, übernachten wollen.
Er berichtet uns freudestrahlend, dass Ana Ivanovic die French Open gewonnen habe. Ja, erzähle ich, wir haben es auf der Fähre gesehen. Ob er nicht richtig zuhört, oder ich mich unklar ausdrücke, sei dahingestellt, jedenfalls sagt er, dass könne doch gar nicht angehen, dass sie schon auf der Fähre gewesen sei, denn das, was er da gerade gesehen habe, sei doch eine Liveübertragung aus Paris gewesen. Ich erkläre, wir haben nicht sie selbst auf der Fähre gesehen, sondern ebenso wie er die Übertragung im Fernsehen.
Wir schlafen auf Matratzen auf dem Fußboden; vor dem Einschlafen spüre ich meinen Zahn pochen.

Sonntag, 8. Juni
Chris muß am sonntäglichen Gottesdienst von 8.00 bis 9.00 Uhr teilnehmen, wir wachen während dessen allein auf; ich vor allem wegen Zahnschmerzen. Was ich unter allen Umständen vermeiden wollte, nämlich zu einem englischen Zahnarzt zu gehen, erscheint mir unausweichlich.
Chris hat seinen Kühlschrank vollgepackt und hat unseretwegen alles eingekauft, was man für ein englisches Frühstück braucht, aber seine Bratpfanne ist so dreckig, dass sie mir unbrauchbar erscheint, vor allem traue ich mich nicht, den Herd einzuschalten, denn die Knöpfe sind komplett versifft. Ich entscheide mich dafür, einige tiefgekühlte Brötchen mit dem Toaster aufzutauen.
Von einem fest verschlossenen Glas Erdbeermarmelade kann wohl auch keine große Gefahr ausgehen; wir gehen das Risiko ein und leeren es fast ganz.
Kaum ist Chris zurück, wirft er uns vor, dass wir uns noch nicht einmal Kaffee gemacht haben; ich gebe an, keinen gefunden zu haben, obwohl das Paket gut sichtbar auf dem Regal steht.

Ich übergebe Chris, dem englischen Deutschlandfan, noch eine Reisetasche voller großformatiger Bildbände über Deutschland, die ich für billig Geld auf Flohmärkten zusammengesammelt habe, und er bedankt sich überschwänglich.
Andre und ich knobeln, mit wessen Auto wir nach Birmingham fahren; er verliert. Ich packe meine Utensilien, die ich für fünf Tage brauche, in Andres Auto und parke mein Auto in der Nähe von Chris’ Wohnung, wo er meint, daß ich dort keinen Strafzettel riskiere.
Die Fahrt nach Birmingham verläuft problemlos; am Stadtrand müssen wir uns durch einen Stau vor einer Wechselbaustelle kämpfen, aber unsere alten Ortskenntnisse sind hilfreich. Wir stellen fest, dass Andre und ich noch nie zusammen hier waren. Ich war mit Yvonne insgesamt zwei- oder dreimal hier, Andre mit Hans wohl auch so oft – aber halt in anderen Jahren.

Die Tennisanlage ist im großen und ganzen unverändert und so, wie ich sie in Erinnerung hatte; im Pressebüro erhalten wir sofort unsere Badges, und auf einem Monitor, der die Spielstände auf den einzelnen Plätzen anzeigt, sehen wir, dass Jarmila Gajdosova gerade Matchpoint hat. Als wir am Platz erscheinen, kommt sie uns gerade als Siegerin entgegen. Wir werden beide mit Küsschen begrüßt; auf meine Entschuldigung, dass wir gerade erst in diesem Moment angekommen sind, erwidert sie, dass genüge ja, und sie sei froh, uns zu sehen, dann gebe es wohl wieder neue Fotos. Erst viel später fällt uns auf, dass weder Andre noch ich ihr jemals Fotos geschenkt oder geschickt haben.

Unsere gebuchten Zimmer im „Prince Hotel“ sind nach altenglischem Maßstab als akzeptabel zu bezeichnen. Der indische Landlord fährt uns in die Stadt zur Sportsbar, nachdem wir eigentlich nur gefragt haben, ob er uns einen Pub mit Fernseher empfehlen kann, denn wir wollen natürlich das Eröffnungsspiel der Fußball-EM sehen. Erfahrungsgemäß sind wir nach einem Pub-Besuch nicht mehr fahrtauglich; deshalb haben wir die Autos am Hotel gelassen. Den Heimweg schaffen wir zu Fuß in 45 Minuten.
Spät in der Nacht scheinen Gäste des Hotels auf dem Flur einige Szenen des abendlichen Fußball-spiels nachspielen zu wollen. Ihr Kommentare sind so laut, als würden sie quer über einen Fuß-ballplatz schreien, und manchmal knallt ihr Ball sogar gegen meine Zimmertür; als er irgendwann laut die Treppe hinunterhoppelt, ist endlich Ruhe.

Montag, 9. Juni
Es gibt kontinentales Frühstück: auf einem kleinen Tisch stehen mehrere Pakete Toastbrot und ein riesiger Toaster, der vier Scheiben gleichzeitig bräunen kann. Trotzdem kommt es zu Warte-schlangen von Gästen. Während Andre uns Toast zubereitet, probiere ich erstmal diverse Cornflakes- und Müslisorten, bevor wir die verschiedenen Marmeladen und Konfitüren versuchen. Wurst und Käse gibt es nicht, nur gekochte Eier.
An der Straßenecke sehe ich ein altes Haus mit einem Schild „Zahnarztpraxis“ an der Tür. Sehr beruhigend, dentale Hilfe in der Nähe zu wissen, aber mein Zahn hat sich in den letzten 24 Stunden nicht mehr gemeldet.

Dienstag, 10. Juni
Beim Frühstück lernen wir einen englischen Schiedsrichter kennen, der dieselbe Tour reist wie wir: Birmingham - Eastbourne – Wimbledon, und wir werden ihm tatsächlich während der kommenden Wochen fast täglich wiederbegegnen.
Ebenso den englischen Fan, den wir Mr. Bean getauft haben. Er hat mehrere Gebrechen; das auffälligste ist, daß er seinen Kopf ständig schräg hält. Da er auch viel fotografiert, und die Kamera ebenso hält, müssen seine Fotos auch ziemlich schräg sein … außerdem nuschelt er beim Sprechen ebenso wie der TV-Mr.Bean durch den Kehlkopf.
Die Spiele des Tages habe ich - offen gesagt - vergessen, denn ich hatte noch nicht mal Lust, wenigstens Stichworte für das Tagebuch zu notieren. Umwerfend kann der Tag aber offenbar nicht gewesen sein, denn ich habe keine spezielle Erinnerung an herausragende Ereignisse.
Ich weiß aber noch, dass wir zum Abendessen ins „TGIF – Thank God It’s Friday“ gefahren sind, denn das liegt erstens sowieso auf dem Heimweg, und auch in akzeptabler Fußwegentfernung zum Hotel. Obwohl man hier eigentlich einen Tisch reservieren muß, erhalten wir einen ohne jegliche Wartezeit.

Mittwoch, 11. Juni
Die Players’ Party wird in Birmingham traditionell mittwochs gefeiert, und zwar ebenso traditionell als Barbecue-Grillfest. Schon am Morgen bei unserer Ankunft im Club wird der Grill mit einem ganzen Schwein am Spieß präpariert.
Nach den Spielen des Tages – habe leider auch für diesen Tag keine Aufzeichnungen – schauen wir im Clubheim Fußball. Draußen ist das Schwein gar gegrillt, und viele Gäste, die sich einen Essensgutschein gekauft haben, stehen ordentlich in einer englischen Schlange an und warten, bis sie vom Koch eine Wurst und ein kleines Stück vom Schwein auf den Teller erhalten.
Wir entscheiden uns lieber wieder für das „TGIF“; heute müssen wir an der Bar warten – bei Bier und TV-Fußball – bis ein Tisch frei ist.

Donnerstaq, 12. Juni
Reisetag nach Eastbourne. Andre fährt; ich lese auf der ganzen Fahrt das Tennistagebuch von Andrea Petkovic, das sie regelmäßig auf der Internetseite der FAZ schreibt, und das ich mir vor Abfahrt daheim ausgedruckt habe. Ich merke, dass viele englische Autofahrer, die uns überholen, verwundert herüberschauen, weil sie auf den ersten Blick denken, dass hier der Fahrer beim Fahren liest.
Andre Petkovic schreibt einfach wunderbar, bei vielen Passagen muss ich laut lachen und sie Andre vorlesen. Besonders interessant sind für mich die Passagen, wo sie über Matches schreibt, die ich selbst gesehen habe.
So z.B. über ihr Spiel gegen Korina „Koko“ Perkovic bei den letztjährigen Deutschen Meisterschaften in Biberach. Ich hatte eigens wegen dieses Spiels meinen Aufenthalt in Biberach um einen halben Tag verlängert, um Koko die Daumen zu drücken; das hat aber nur während des ersten Satzes funktioniert. Durch Andreas Tagebuch erfahre ich nun Hintergrundinformationen über das Spiel aus Sicht von Kokos Gegnerin.
In Tunbridge Wells finden wir mein Auto wohlbehalten vor; wir ersparen uns das Umpacken meines Gepäcks, denn wir wollen ja jetzt mit beiden Autos nach Eastbourne. Vorher schauen wir noch kurz bei Chris vorbei, der gerade von einem Kundenbesuch heimkehrt und uns nicht so früh erwartet hat. Nun ja, wir waren zwar für heute verabredet, aber manche Menschen können sich halt keine Termine merken. Chris serviert uns Kaffee, während ich kurz an seinem Computer meine e-Mails checke: der Verlag Kiepenheuer & Witsch fragt an, ob er eines meiner Fotos, die ich kürzlich angeboten habe, für ein neues Buch von Sebastian Sick benutzen darf. Das beantworte ich natürlich schnell positiv; als Honorar wird mir ein Paket seiner früheren Bücher sowie zwei Eintrittskarten für eine seiner Veranstaltungen an einem Ort meiner Wahl angeboten. Besser als nichts für einen schnellen Schnappschuss.
Estefania führt mich sicher nach Eastbourne, und auch das Hotel „Kenway Seafront“ ist schnell gefunden. Andre kommt direkt nach mir an. Das Hotel liegt tatsächlich östlich vom Pier, aber der Fußweg zur Innenstadt und zum Tennis erweist sich später als kürzer als befürchtet. Am Fenster des Kenway Seafront hängt ein Schild, das aussagt, dass keine Zimmer mehr frei sind. Es öffnet ein nettes Mädel in schwarz, nach einem kurzen „hello“, ohne jegliche Vorstellung oder sonstigem überflüssigem Wortwechsel übergibt sie jedem von uns seinen Schlüsselbund und führt uns in den ersten Stock, wo sie mir ein Zimmer anweist und Andre ein Stockwerk höher bittet. Mein Zimmer ist etwa 3 x 4 Meter groß, mit Bett und einem kleinen Schrank komplett ausgefüllt; der Fernseher steht platzsparend auf einer an die Wand geschraubten Halterung. Das Beste an meinem Zimmer:ist der Zugang auf das Dach der Veranda. Die Plastikstühle sind schnell gereinigt, und ich genieße den Ausblick auf das Meer.

Freitag, 13. Juni
Der Tag beginnt mit strahlendem Sonnenschein; die Vorfreude auf das erste englische Frühstück erleichtert das Aufstehen. Im Frühstücksraum sind wir die ersten an diesem Morgen, obwohl es schon schon 8:30 Uhr ist; es erscheint ein korpulenter, alter Mann, der nach unseren Wünschen fragt: Tee oder Kaffee? Andre nimmt wie immer Tee, ich entscheide mich leider für Kaffee. Der wird von der Stummen serviert, in einer deckellosen Plastikkanne, und ist sehr stark. Morgen werde ich auch Tee trinken.
„Full English Breakfast“ bedeutet Spiegelei, gelbe Bohnen, eine halbe gebratene Tomate, Champignons, und eine kleine Bratwurst. Andre bestellt ausdrücklich „ohne Pilze“, was der alte Mann mit „ja, Pilze haben wir auch“ beantwortet. Ich stelle klar, dass er eben gerade keine Pilze will. Ach so. Dass ich dann Champignons bekomme, liegt wahrscheinlich daran, dass wir ihm zu verstehen gegeben haben, dass sie normalerweise dazu gehören. Die kleine Bratwurst fehlt jedenfalls völlig; aber ansonsten ist alles OK.

Andre will vormittags am Pier und in der Stadt touristisch fotografieren. Ich entscheide mich, einige vorher im Internet ausgesuchte Modellbahnläden aufzusuchen. Da alle Adressen innerhalb der Stadt liegen, will ich das zu Fuß machen. Zum ersten Laden führt mich mein Navi zu einer 2,5 km entfernten Stelle; dort angekommen, finde ich zwar einige kleine Läden, vom Friseur bis zum Bäcker, aber keinen Modellbahnladen. Ich frage einen Passanten nach der Straße, die ich suche, und er zeigt in die Richtung, aus der ich komme. Aber am letzten Kreisverkehr, an dem mich mein Navi auch diesmal wieder nach rechts schickt, findet sich keine Straße mit dem gesuchten Namen. Ich entschließe mich, die Adresse des zweiten Ladens einzugeben; dafür soll ich wieder zurück in die Stadt.
Nach einem weiteren 30-minütigem Fußmarsch, nach der Hälfte des Weges, finde ich zufällig einen Modellbahnladen, den ich nicht auf meiner Liste habe. Er erweist sich zwar nicht als Fundgrube, aber den einzigen Containerwaggon, den er hat, kaufe ich: einen Doppelwaggon mit zwei 45-Fuß-Containern „DHL“. Nach Umbau der Kupplungen und Austausch der Container ist der inzwischen ein besonderes Stück auf meiner Anlage.
Da noch Zeit ist, suche ich auch die zweite Adresse auf, das ist aber ein Reinfall. „Modelzone“ sind eher auf ferngesteuerte Schiffe und Helikopter spezialisiert, die Modellbahnabteilung ist sehr klein und schlecht sortiert.
Ich wandere weiter zur Tennisanlage. Alle Trainingsplätze sind belegt, ich finde die Schweizerin Timea Bacsinszky, die Französinnen Aravane Rezai und Virginie Razzano sowie viele mir Unbekannte. Die nette Bulgarin Tsvetana Pironkova beginnt gerade ihr Training, ich warte mehr als eine Stunde, um sie anschließend nach einem Fotoshooting zu fragen, das wir in Berlin eigentlich für hier vereinbart haben, aber sie will lieber erst wenn sie ausgeschieden ist. Ich antworte, dass ich dann sicher nicht mehr hier bin, da wir schon am Dienstag früh nach Roehampton weiterfahren wollen, also müssen wir das dann wohl auf einem anderen Turnier machen.
Beim Verlassen des Geländes sehe ich junge Belgierin Yanina Wickmayer trainieren Die Russin Ekaterina Bychkova, mit der ich in Portoroz ein großartiges Off-Court-Shoting hatte, und ihre Begleiterin begegnen mir mit vollem Gepäck – zwei Rollkoffern und Tennistasche - auf dem Weg zum Hotel. Hier liegt ja alles so dicht beieinander, dass niemand einen Fahrservice benötigt. Auf ihre Bemerkung, ich sei wohl zu früh angereist, dies aber gleich relativiert, indem sie hinzufügt, sie sei ja auch schon da, erkläre ich, dass ich aus Birmingham komme und es dort gestern angefangen habe zu regnen.
Nach einem kurzen Abstecher zum Hotel, um einen Pullover überzuziehen, und meinen neu erworbenen Modellbahnwaggon zu deponieren, muss ich mich sputen, um rechtzeitig zur Verabredung mit Andre im Wetherspoon’s einzutreffen.
Wir nehmen das Sonderangebot wahr: Burger & Beer für 4.49 – mehr ist der extrem trockene Burger auch nicht wert. Zum Glück haben wir das teuerste Bier – Guinness - gewählt.
Im Wetherspoon’s wird kein Fußball gezeigt, da es bei der WM vor zwei Jahren zu erheblichen Schlägereien kam; auf den Bildschirmen laufen nur Nachrichten. Also gehen wir ins „Crown & Anchor“, das auf halbem Weg zum Hotel liegt, und deshalb haben wir es am Vortag entdeckt. Das Bier ist OK, das Fußballspiel auch: Rumänien besiegt Italien 1:1 – aber zu essen gibt es nur Pizza. Das muss nun wirklich nicht sein. Also wandern wir nach dem Match zurück in die Innenstadt, essen im „Terminus“ ein BBQ Chicken.
Andre will anschließend noch das zweite Fußballspiel dieses Tages anschauen, ich gehe ins Hotel, an dessen Fenster immer noch das „NO VACANCIES“-Schild hängt, und aktualisiere dieses Tagebuch. Nach dem Spiel schaut Andre noch vorbei, und wir trinken auf dem Balkon noch ein Dosen-Guinness, es ist aber schon empfindlich kalt (der Wind - das Guinness leider nicht).

Samstag, 14. Juni
Die Nacht war sehr ruhig, keinerlei Türschlagen oder sonstige Störungen. Beim Frühstück sind wir wieder die ersten – oder sind wir die einzigen Gäste? Ich trinke Tee. Diesmal bekommen wir unaufgefordert etwas mehr Toast als gestern.
An sehenswertem Tennis bietet der Tag heute die junge Rumänin Raluca Olaru, die wir schon in Birmingham gesehen haben, sowie Ekateryna Bychkova. Beide gewinnen überlegen.
Tsvetana Pironkova spielt gegen die Kolumbianerin Catalina Castano, die von der Schiedsrichterin während der Einschlagphase als Spanierin vorgestellt wird. Catalina widerspricht sofort und berichtigt: „Ich komme aus Kolumbien“, woraufhin sich die Schiedsrichterin entschuldigt. Als Catalina auf ihrem Stuhl Platz nimmt, um ihre Sachen für das Spiel zu ordnen, entschuldigt sich die Schiedsrichterin nochmals. Catalina sagt, es sei nicht schlimm, Spanien sei auch ein schönes Land, nur halt nicht ihre Heimat.
Der Vollständigkeit halber mache ich noch einige Fotos beim Spiel von Olga Savchuk, ebenso wie bei der Amerikanerin Julie Ditty, die ich im vorigen Jahr in Roehampton kennengelernt und kürzlich in Berlin wiedergesehen habe.
Am späten Nachmittag gehen Andre und ich kurz zum Wetherspoon’s auf ein Beer & Burger, gleich danach aber wieder zum Club. Das Spiel der hübschen Engländerin Anna Fitzpatrick wurde wegen der fortgeschrittenen Zeit auf Court 2 verlegt, das hatte ich mir schon so gedacht, denn auf dem Court 1 wären sonst heute noch drei weitere Spiele zu absolvieren gewesen. Anna trägt einen sehr – sehr ! – kurzen Rock; schon bei normaler Körperhaltung ist von hinten ihre Unterhose zu sehen - bei Ballwechseln und Sprüngen noch viel mehr. Die englischen Amateurfotografen – wir nennen sie schon seit langem nur noch: die Perversen – sind aus dem Häuschen. Neben und hinter mir klickt es ununterbrochen. Einige Fotografen müssen, da ihre Speicherkarten voll sind, auf Ersatzkameras umsteigen, einige sogar auf konventionelle Negative. Mit so einem voyeuristischen Höhepunkt des Tages hatte heute wohl keiner mehr gerechnet.
Anna verliert übrigens gegen Katerina Makarova.
Meine fotografische Ausbeute heute: 972 Fotos – wegen des zeitweise sehr hellen Sonnenlichts aber wohl nur 50 % wirklich zu gebrauchen.
Nach kurzem Erfrischen im Hotel gehen wir ins „Crown&Anchor“, um das Fußballspiel Griechenland-Russland zu schauen. Russland gewinnt, Otto Rehhagels Truppe ist damit in der Vorrunde ausgeschieden. Da es hier wieder nur (wahrscheinlich tiefgekühlte) Pizza gibt, gehen wir weiter zum „Terminus“, das aber am heutigen Samstagabend voller junger Leute ist, entsprechend ist die Musik, und der Aufenthalt für uns Alte entsprechend unangenehm.
Als wir weiter durch die Stadt gehen, um ein akzeptables Restaurant zu finden, werden wir von einer halbnackten Frau überholt; sie trägt lediglich eine schwarze, schulterfreie Korsage, mit Strumpfhaltern. Außer hochhackigen schwarzen Schuhen sonst nichts.
Später sehen wir sie vor dem Eingang einer Diskothek stehen, wo sie offenbar noch auf jemanden wartet.
Nebenan finden wir ein türkisches Restaurant; es ist relativ klein, der große Holzkohlengrill steht mitten im Raum und nimmt den meisten Platz ein. Hier werden die Speisen von zwei Köchen, für jeden Gast sichtbar, im Restaurant zubereitet. Eine tolle Sache, und außerdem schmeckt der Schaschlikspieß mit großen Hühnerbruststücken und viel Paprikagemüse ganz hervorragend. Es gibt türkisches Bier.
Unser Hotel hat immer noch „NO VACANCIES“.

Sonntag, 15.Juni
Sonnenschein weckt mich, es ist höchste Zeit, die gemeinsame Dusche zu belegen, um rechtzeitig zum Frühstück fertig zu sein. Die Dusche hat schon bessere Tage gesehen, aber zumindest ist sie heil. Die Wassertemperatur kann man mit zwei Wasserhähnen regulieren, das ist sehr praktisch. Im Gegensatz dazu ist es bei englischen Handwaschbecken üblich, dass heißes und kaltes Wasser aus zwei unterschiedlichen Wasserhähnen kommt, die so weit voneinander entfernt wie nur möglich angebracht sind, damit ein Mischen des Wassers absolut unmöglich ist. Da das heiße Wasser aber meist so heiß ist, dass man sich daran verbrennt, bleibt nur, das Waschbecken aus beiden Hähnen voll laufen zu lassen, um sich dann die Hände zu waschen. Der Erfinder der Mischbatterie hat seine Erfindung in England leider noch nicht durchsetzen können..

Da es ein langweiliger Tag zu werden droht, lassen wir uns Zeit, gehen erst um 10.00 Uhr zum Club. Andre hat die Idee, Anna Fitzpatrick nach einem Off-Court-Shooting zu fragen; als Referenz zum Vorzeigen unserer bisherigen Arbeiten nehmen wir eines unserer Fotobücher mit.
Auf dem Rasen vor dem Spielerzentrum liegt Sybille Bammer auf dem Boden und macht Streching-Übungen, während ihre süße Tochter einige Bälle mit ihrem Coach schlägt.
An den Trainingsplätzen kommen wir gerade rechtzeitig zum Ende des Trainings der jungen Rumänin Raluca Olaru, die wir an gleichem Ort schon vor drei Jahren im Juniorinnenturnier gesehen haben. Andre fragt sie kurzentschlossen, ob sie einige Minuten für uns habe, und zeigt ihr unser Buch. Die Fotos darin sind alle schon einige Jahre alt, sie erkennt die wenigsten Spielerinnen; noch nicht einmal Koko Perkovic, bisher ein sicherer Trumpf bei Juniorinnen, kennt sie. Dafür bemerkt sie verwundert, dass Anastasia Rodionova mal jung gewesen ist, und dass Tatjana Perebiynis mal kurze Haare hatte.
Ich sage, wir wollen sie gern für ein neues Buch fotografieren, nach dem heutigen Match habe sie doch den Rest des Nachmittags viel Zeit. Sie ist nicht abgeneigt, sagt aber, sie müsse erst ihren Manager fragen. Ich übergebe ihr meine Karte und bitte sie, dass er oder sie selbst sich melden sollen.

Unterdessen haben die Matches begonnen; ich fotografiere Urszula Radwanska, die Schwester von Agnieszka, die auch im Publikum sitzt.
Anschließend wechsele ich auf Court 1 zu Raluca Olaru. Sie hat keine Chance gegen die Russin Alisa Kleybanova; auch zweimaliges On-Court-Coaching durch ihren Trainer hilft nichts. Ich verlasse schon vor Ende des zweiten Satzes den Court.

Nach einem Check der anderen Courts finde ich Andre gelangweilt auf dem Picknickrasen sitzend, während er seinem neuen Hobby nachgeht: englische Monster zu fotografieren. Er behauptet allerdings, nur auf Caroline Wozniacki zu warten.
Janette Husarova, die den Absprung vom Tennis ebenso wenig schafft wie ich, sowie Tatiana „Tax“ Garbin gehen vorbei, Mr. Bean fotografiert sie alle, einschließlich Gisela Dulco, die aber währenddessen über seine Schulter hinweg zu mir schaut und „Holá!“ ruft.
Ich sehe, wie Nicole Vaidisova zum Training geht; sie muss also in Birmingham ausgeschieden sein. Wir fragen uns, wer dann noch dort im Finale stehen könnte. Vielleicht weiß Mr. Bean Rat? Andre spricht ihn an, und der berichtet, dort seien die blonde Belgierin (also wohl Yanina Wickmayer) und Kataryna Bondarenko die Finalistinnen. Bondarenko hat in ihrer gesamten Karriere noch kein Viertelfinale erreicht – jetzt steht sie im Finale von Birmingham.

Mr. Beans Autogrammsammlung ist beeindruckend; er zeigt sie uns voller Stolz. Am meisten schwärmt er von Kanepi, ihre Unterschrift ist eindeutig zu entziffern.
Andre fragt nach dem Autogramm auf der vorherigen Seite, wo ein eingekreistes „MoM“ zu sehen ist. „Ist das von deiner Mum?“ fragte Andre. Mr.Bean versteht nicht gleich, verneint die Frage ernsthaft, überlegt kurz, kann sich aber nicht erinnern, von wem dieses Autogramm ist.
Als er später noch mal an uns vorübergeht, fotografiere ich ihn nochmals. Er kommt zu uns und fragt mich, warum ich ihn fotografiere. Da exakt hinter ihm Katya Bychkova und ihr Coach standen, sage ich ihm, ich hätte nicht ihn, sondern Bychkova fotografiert. Er dreht sich um, erkennt sie, und erklärt mir, sie heiße Ekaterina mit Vornamen. “...Ich kenne meine Mädel…“ Eine andere Spielerin kommt vorbei, und er erklärt, die kenne er auch, aber komme gerade nicht auf ihren Namen. Naja, Vorführeffekt halt.
Er spricht Andre an: jemand habe ihn gefragt, wer mit „MoN“ unterschrieben habe, ob er das gewesen sei. Andre bejaht. Nun, es sei ihm wieder eingefallen, das sei Monica Niculescu. Andre ist dankbar für die Aufklärung.

Ich fotografiere noch Nicole Vaidisova beim Training, während auf dem Nebenplatz Kveta Peschke mit ihrer Doppelpartnerin Renae Stubbs trainiert. Stubbsy ist eine der wenigen Aktiven, die noch länger als ich selbst auf der WTA-Tour sind; ich hoffe aber, dass ich nicht ebenso gealtert bin wie sie.
Auf dem Tennisgelände gehen die Quali-Finalspiele zu Ende, der Rasen leert sich. Anna Fitzpatrick trainiert zwar noch, und eigentlich war sie ein Ziel unseres heutigen Tages, aber dass heutzutage eine 17jährige Rumänin einen Manager hat, den sie um Erlaubnis für eine Fotosession fragen muss, hat uns den Rest gegeben. So etwas hätte es früher nicht gegeben ... und da es bei Anna Fitzpatrick nicht anders sein wird, entschließen wir uns, zum Hotel zu fahren und auf der Terrasse ein Frustbier zu trinken. Dass mir beim Öffnen der Guinness-Dose auch noch alles überschäumt, ist symptomatisch für den Tag.
Trotz allem sind heute 333 Fotos entstanden.
Im „Crown&Anchor“ ist heute Karaoke, fällt also für die Fußballübertragungen aus. Wir finden in der Stadt ein argentinisches Steakhaus. Die moderne Einrichtung muss aus Europa importiert sein, im Hintergrund läuft leise Jazzmusik mit deutschen Ansagen. Welch ein Unterschied zwischen ca. 500 Meter Luftlinie: in unserem Hotel ein Fernseher mit Zimmerantenne, mit der drei Programme zu empfangen sind, hier Internetradio.
Die Vorspeise – geröstetes Brot mit Knoblauchbutter – ist reichlich; das Steak ist absolute Spitzenklasse. Während wir essen, betreten Catalina Castano und ihr Trainer das Restaurant, und nachdem ich schon nach der Rechnung gefragt habe, erscheinen noch Raluca Olaru und ihr Coach, die am Nebentisch Platz nehmen. Ihr Coach scheint mich zu erkennen, jedenfalls lächelt er kurz, aber Raluca verweigert sich uns und tippt auf ihren beiden Handies, während ihr Coach die Karte studiert.
Wir streifen durch die Stadt und suchen einen Pub mit Fernseher, denn heute stehen zwei Fußballspiele gleichzeitig an: Türkei-Tschechien und Portugal-Schweiz.
In einem türkisch aussehenden Schnellimbiss sehen wir am hinteren Ende einen Fernseher, auf dem Fußball läuft; davor an Tischen, die immer nur an einer Seite besetzt sind, also in Stuhlreihen wie im Kino, etwa 50 Gäste, viele in roten Fußballtrikots. Wir gehen hinein, aber der Wirt sagt uns, dies sei eine private Veranstaltung. Da die letzten beiden Tische vor dem Fenster noch frei sind, frage ich, ob wir nicht wenigstens hier auf ein Bier Platz nehmen können. Er willigt ein. Erst jetzt realisieren wir, dass es sich keineswegs um einen türkischen Imbiss, sondern um ein portugiesisches Lokal handelt. Auf dem TV läuft auch Portugal-Schweiz, nicht Türkei-Tschechien.
Der Wirt bringt zwei Flaschen portugiesisches Bier, ich danke mit „obrigado“, was er verwundert zur Kenntnis nimmt. Hätte ich früher bemerkt, dass wir bei einem Portugiesen sind, hätte ich das Bier auch zünftig mit „duas canecas“ bestellt, wie wir es in Estoril gelernt haben. Tennisreisen bilden!
Als der Wirt erfährt, woher wir kommen, ist er entsetzt: Deutschland könnte der nächste Gegner Portugals sein! Alle Länder, nur nicht Deutschland, ist sein sehnlichster Wunsch.
Zur Halbzeit steht es 0:0 in diesem für die EM unbedeutenden Spiel; Andre interessiert mehr das parallel laufende Spiel, also machen wir uns zum zweiten Mal auf die Suche. Nur wenige Meter weiter finden wir das „Nuts House“, wo links und rechts von der Theke zwei Fernseher laufen, mit beiden Spielen. Wir entscheiden uns für die linke Seite. Daß der Ton nur von einem Spiel laut gestellt ist, erscheint uns logisch, - leider ist es der Ton es anderen Spiels. Wenn man nicht auf die Spielernamen achtet, passt der Kommentar sogar manchmal.
Weiter hinten läuft eine Musikbox mit englischen Oldies der Sechziger. Auf diese Weise haben wir beide etwas von diesem Abend. Das Spiel endet 3:2 für die Türkei, wer hätte das gedacht.
Obwohl es nach dem Spiel noch vergleichsweise früh ist, falle ich erschöpft ins Bett, und mein Schlaf wird auch von keinerlei Geräuschen anderer Hotelgäste gestört. Vermutlich gibt es gar keine. Auch beim Frühstück am

Montag, 16. Juni
sind wir wieder ganz unter uns. Wir sind offenbar wirklich die einzigen Gäste. Dass die anderen sieben Zimmer nicht belegt sind, kann ja passieren, aber warum will man sie auch nicht belegen und hängt das „NO VACANCIES“-Schild („keine Zimmer frei“) ins Fenster? Naja, denken wir, zwei deutsche Gäste machen eigentlich auch schon genug Arbeit, da hat man sowieso keine Zeit für weitere Gäste.
Heute ist der erste Spieltag des Hauptfeldes; aber was soll er bringen? Außer Caroline Wozniacki interessiert uns fast niemand, ich würde allenfalls noch Fotos von Nicole Vaidisova machen wollen, wenn sich die Gelegenheit ergibt. Aber Caro wurde gegen eine Qualifikantin ausgelost, spielt also sicher nicht vor Dienstag, - wenn wir schon in Roehampton sein wollen.
Auf dem Tennisgelände studieren wir den Spielplan des Tages, und unsere schlimmsten Befürchtungen werden noch übertroffen. Es ist absolut kein einziges Spiel angezeigt, das uns halbwegs interessieren würde. Trotzdem werde ich den ganzen Tag über beschäftigt ein:
Zunächst beobachte ich das Training von Catalina Castano, die sich wegen des warmen Sonnenscheins ihr T-Shirt ausgezogen hat und in einem schwarzen Top spielt.

Neben einem anderen Court macht sich Alize Cornet fertig für ihr anstehendes Training. Sie trägt ihre Haare noch offen, was ich nutze, um sie um ein Porträtfoto zu bitten.
Das erste Spiel auf dem Center Court bestreiten Tsvetana Pironkova gegen Catalina Castano. Ich liebe den Court, weil der tiefe Fotografengraben Fotos aus der Froschperspektive erlaubt.
Zum Mittag gibt es im „Wetherspoon’s“ Sirloin Steak. Auf dem Rückweg bedienen wir uns beide eines Geldautomaten, denn unsere Pfunde gehen zur Neige (die Geldscheine, nicht die körperlichen)..
Andre verbringt mehr als anderthalb Stunden beim Training von Caroline Wozniacki. Ich bringe ihm ein Sandwich mit Thunfisch, das ich im Pressezelt abgestaubt habe. Andre beschwert sich aber erst, als er es aufgegessen hat, dass er doch keinen Fisch mag.

Das Juniorinnenturnier wirft seine Schatten voraus: Anna Orlik aus Belarus, sozusagen eine Mini-Kournikova, die sich dieser Rolle auch bewußt ist, trainiert mit einem Engländer, der ihr sehr gute Tips gibt, und dem sie ebenso aufmerksam zuhört. Sie hat ihre Lektion gelernt, lächelt professionell in jede auf sie gerichtete Kamera. Ihr Papa sieht aus, wie man sich den typischen Russen vorstellt.

Auf dem Nachbarplatz spielt Ana Paula, die Tochter der paraguayischen Spielerin Rosana de los Rios, gegen ihre Mutter, was ich ausgiebig fotografiere. Schon als sehr kleines Mädchen war Ana Paula eines meiner Lieblingsmodelle, jetzt als junges Mädchen ist sie es erst recht.

Auf dem Center Court spielt noch Gisela Dulko gegen Tatjana Garbin, was ich fast vergessen hätte. Im dritten Satz mache ich noch einige Fotos.

Im „Crown&Anchor“ wird die Küche zur festgelegten Zeit geschlossen, obwohl gerade das Spiel GER-.AUT 1:0 anfängt. Der Pub ist heute gut gefüllt, und es ist schwierig, einen fernseh-tauglichen Platz zu finden, und später erscheinen sogar noch drei deutsche Hausfrauen, die uns minutenlang die Sicht versperren, während sie einen Platz suchen.

Dienstag, 17. Juni
Wir haben das Frühstück heute für 8:00 Uhr bestellt, weil wir so früh wie möglich nach Roehampton aufbrechen wollen. Wir können es uns nicht leisten, unnötig Zeit zu verlieren. Das Navi schätzt eine Fahrtzeit von 1:30 Std. für 113 km und schlägt uns vor, über Brighton zu fahren, und dann auf der Autobahn Richtung London, um dann aber kurz vor London nach Putney abzubiegen.
Beim Versuch, aus Eastbourne herauszukommen, konzentriere ich mich so sehr auf die Anzeigen des Navi, dass ich vergesse, dass wir in England sind, und prompt finde ich mich in einer Einbahnstrasse entgegen der Fahrtrichtung auf der rechten Seite. Der umsichtige Engländer, der mir entgegenkommt, zeigt mir per Lichthupe, dass hier etwas nicht stimmt, und ich muss ihm leider recht geben. Glücklicherweise sind auf dem Mittelstreifen nicht alle Parkplätze belegt, so dass ich mühelos auf die andere Seite wechseln kann.

Auf dem Weg nach Roehampton erkenne ich sozusagen jede Ecke wieder, denn genau so bin ich im vorigen Jahr auch gefahren. Durch den Ort Wimbledon fahren wir nach Southfields, von dort kenne ich den Weg nach Roehampton und Putney von meinen täglichen Busfahrten.

Es ist ein tolles Gefühl, den altvertrauten Tennisclub in Roehampton wiederzusehen. Schon am ersten Vormittag sehen wir Spiele von Jarmila Gajdosova, Yuliana Fedak und der englischen Juniorin Anna Fitzpatrick.
Andre taucht plötzlich mit einer Presse-Akkreditierung auf, und sagt, einen Schein für den Parkplatz bekomme er auch noch… Das will ich auch, und es klappt wider Erwarten sehr einfach und schnell. Das hätte ich nie erwartet. Im vorigen Jahr hatte ich es gar nicht versucht, eine Presse-Akkreditierung zu bekommen, weil ich ein Players-Guest-Badge hatte.

Gemeinsam warten wir auf Angelika Bachmann. Um ihr Spiel nicht zu verpassen, sind wir heute so früh gestartet. Im letzten Jahr kam ich zu spät, da sie gleich das erste Spiel um 10.00 Uhr hatte, ich aber erst mittags eintraf - in diesem Jahr hat sie erst das dritte Spiel.

Jelena Kostanic hat auf einem entfernten Platz ebenfalls das dritte Spiel, muß gegen die Australierin Christine Wheeler antreten. Da das vorherige Match auf Jelenas Court in den dritten Satz geht, warte ich lieber an Angis Platz, als dort Jelena zu mir kommt. Nach einer herzlichen Begrüßung kommt sie sofort zum wichtigsten Punkt: sie habe ein Badge für mich, habe es in ihrer Schlägertasche, werde es mir nach ihrem Spiel geben. Ich erkläre ihr, daß ich hier für Roehampton eine Presseakkreditierung habe, ihr Badge benötige ich erst nächste Woche in Wimbledon. Das werde aber schwierig, antwortet sie, dafür müsse sie dreimal gewinnen. „Keine Sorge“, sage ich, „das kriegen wir schon hin, ich unterstütze dich.“ Sie lacht.

Angelika spielt gegen Kristina Barrois, aber daß sie das gewinnen würde, hat niemand wirklich erwartet, weder Andre noch ich, Kristina schon gar nicht, und auch Angi wohl nicht wirklich. Nach dem Spiel unterhalten wir uns noch kurz, dann will Angi noch schnell das Spiel ihrer Freundin anschauen. Andre antwortet, dann schaue er bei seiner Freundin Michelle zu, und ich begebe mich zum Match meiner Freundin Jelena. Die hat den ersten Satz schon gewonnen und führt mit 1:0 im zweiten, als ich ankomme.
Jelena gewinnt sehr locker; ich höre nach dem Match, wie Christina Wheeler einer Freundin erklärt, sie habe wegen einer Zerrung nicht richtig laufen können.

Ich finde Andre beim Spiel der jungen Portugiesin Michelle Larcher de Brito. Die stöhnt bei jedem Schlag schlimmer als Jelena Dokic zu ihren lautesten Zeiten, feuert sich selbst mit „Come on“ und „Vamos“ an, macht eine Becker-Faust nach jedem gewonnenen Punkt. Trainer Sven Grönefeld schaut zu; mit ihm hatte sie schon in Berlin trainiert.

Langsam wird es höchste Zeit, um unsere Lunchtickets einzulösen. Ich entscheide mich für Pasta Carbonara, Andre wählt etwas, das wie Schnitzel aussieht, sich aber beim Essen als panierter Fisch herausstellt. Ein Glücksgriff für jemanden, der prinzipiell keinen Fisch ißt. Zum Nachtisch gibt es im Pub nebenan ein Guinness.
Einmal als Deutsche erkannt, werden wir von einem deutschen Coach angelabert und mit internen Geheimgeschichten über andere Spielerinnen überschüttet, über Doping im allgemeinen und im speziellen.

Leider habe ich die Hausnummer unserer Bed&Breakfast-Herberge nicht notiert, nur die Straße. So müssen wir uns bei Nachbarn nach Lord und Lady Rennel of Dodd durchfragen und erfahren so, dass der Lord schon lange das Zeitliche gesegnet hat, aber Phyllys, wenn Lady Rennell denn Phyllys ist, die wohne in Nummer 12.
Das stellt sich als sehr schönes, großes Haus heraus, mit großem Treppenhaus, gesäumt von alten Gemälden, die offenbar die Vorfahren zeigen, und alten englischen Mödeln. Mein Zimmer wird zu dreiviertel von einem riesigen Doppelbett ausgefüllt, in dem laut Phyllys schon Andy Roddick geschlafen hat..
Auf die Frage, wo in der Nähe man wohl Fußball im Fernsehen schauen kann, empfiehlt Lady Phyllys uns den Pub „Arab Boy“, das älteste Pub der Stadt. Dort stehen zwei Fernseher, damit Gäste von jeder Ecke der Bar zuschauen können. Heute zeigen beide Apparate je eines der gleichzeitig übertragenen Spiele ITA-FRA und ROM-NED.
Eine Gruppe von Gästen hat auf den Spielausgang gewettet, und beide Spiele richtig getippt, sie haben schon 220,- Pfund sicher, wie sie die nächsten Spiele tippen, ist egal.
Wir könnten auch nach drei Guinness gern noch etwas essen, aber im „Arab Boy“ gibt es nichts, und auf dem Heimweg finden wir auch kein Restaurant. So spät zu essen ist sowieso ungesund.

Mittwoch, 18. Juni
Es gibt Frühstück in Phyllys’ großer Küche, während im TV Berichte über das Pferderennen in Ascott laufen. Phyllys bereitet uns Ei auf Toast und bietet uns ihre selbstgemachte Zitronenmarmelade an.
Zwei kleine Hunde laufen um uns herum: ein Dackel und ein Spitz; für das Dog Sitting bekomme sie 22,- Pfund pro Tag für die beiden. Auch eine Lady muß halt sehen, wo sie bleibt.
Das Wetter ist heute sehr bedeckt und kühl. Um 9:30 Uhr starten wir zum Tennisclub.
Jelena spielt heute gegen die Engländerin Amanda Elliott; der erste Satz ist kein Problem, im zweiten läßt Jelena etwas nach und verliert ihn, am Anfgang des dritten Satzes zwingt einsetzender Nieselregen zu einer kurzen Pause.
Andre kommt vom Spiel Yulia Fedossova gegenYuliana Fedak; er könne Fedossova nichts abgewinnen. Yuliana Fedak hat verloren und deshalb wie immer geheult.
Wir gehen zusammen zum Essen: Lachs mit Reis und Gemüse; Blumenkohl, Bohnen und Erbsen sehr „al dente“ – ich liebe es. Andre entscheidet sich heute für Pasta, das kann kein getarnter Fisch sein… zum Nachtisch einen Obstsalat mit Erdbeeren, Weintrauben und Melonenstückchen – kost’ ja nix..
Nach der Regenpause gewinnt Jelena den dritten Satz mit 8-6 (bei Grand Slams gibt’s im entscheidenden Satz keinen Tie Break); meine Ausbeute allein dieses Spiels: 363 Fotos.

Andre und ich finden uns beim Doppel von Julia Goerges mit Marie-Eve Pelletier gegen Raquel Kops-Jones und Abigail Spears wieder; Julie Ditty schaut beim Spiel ihrer letztjährigen Doppelpartnerin zu. Nach dem ersten Satz gehe ich zu Andrea Hlavackova und Olga Savchuk gegen Melinda Czink und Ipek Seniglu.
Auf Platz 16 spielen danach Maria Kirilenko und Flavia Penetta gegen Julie Ditty / Stéphanie.Dubois.

Abends versuchen wir im Pub neben dem „Arab Boy“ ein Curry-Gericht, das uns zwar ganz hervorragend schmeckt, mir aber die ganze Nacht Durchfall verursachen wird. Im “Arab Boy” schauen wir Fußball RUS-SWE / 2:0
Während des Spiels erfährt Andre aus einer SMS des dänischen Journalisten Troels, daß Caroline Wozniacki in Eastbourne – völlig überraschend - gegen Svetlana Kuznetsova gewonnen hat und damit im Viertelfinale steht.
Als wir darüber diskutieren, erklären umstehende Engländer, das sei definitiv nicht Englisch gewesen, und halten uns nach eingehender Diskussion für Schweden.
Als wir erklären, wir seien Deutsche, und auf Nachfrage, was uns nach Putney verschlagen habe, erklären, daß wir Fotografen sind, die beim Tennis fotografieren. Das weckt Bewunderung. Als wir auf die Frage, warum wir nicht beim Fußball sind, dann noch hinzufügen, daß wir nur Damen fotografieren, ernten wir Entrüstung. “Was? Nur Damensport? Und dafür werdet ihr auch noch bezahlt? Was für ein toller Beruf!“
Es werden noch Spekulationen über das morgige Fußballspiel GER-POR ausgetauscht, bis wir uns fröhlich verabschieden. Andre entschliesst sich, morgen früh zum Wozniacki-Spiel nach Eastbourne zu fahren.

Donnerstag, 19. Juni
Ich frühstücke heute allein, da Andre schon früh nach Eastbourne aufgebrochen ist. Im Tennisclub treffe ich Jelena; wir sprechen über ihr heutiges Spiel gegen Mathilde Johansson. Es wird sehr schwer werden, das weiß Jelena, aber sie macht sich keine großen Sorgen: sie eröffnet mir, dass sie in jedem Fall Lucky Loser sein wird. Falls sie verliert, fügt sie ausdrücklich hinzu. Ein Lucky Loser wird diejenige Spielerin, die als Ranglistenhöchste in der letzten Qualifikationsrunde ausscheidet, und würde eine Spielerin des Hauptfeldes ersetzen, falls diese nach Beginn der Quali ihre Teilnahme absagt. Wer das ist, interessiert mich momentan nicht im Geringsten, Hauptsache ist für mich, dass Jelena auf jeden Fall im Hauptfeld ist, selbst wenn sie heute verliert, und dass ich somit mein Badge für nächste Woche sicher habe. Jelena trainiert mit einer Japanerin, die ich nicht kenne; Mathilde trainiert auf dem Nebenplatz mit Olivia Sanchez, die auch später beim Match zuschaut.
Aus dem schweren Match wird ein verlorenes Match, das hatte ich eigentlich auch erwartet. Was hätte ich aber wohl gezittert, wenn ich nicht von der Lucky Loser-Lösung gewusst hätte, aber so ist schon fast alles egal. Für Jelena natürlich nicht, sie kämpft bis zum Schluss. Und dieser endlose Kampfgeist ist es auch, was mich seit ihres ersten Matches, das ich gesehen habe, an ihr so fasziniert.
Ich umarme sie nach dem Match, und sie verspricht mir bis Samstag eine SMS zu senden, ob mit dem Badge alles klappt.
Zu Mittag gibt es wieder panierten Fisch mit Kartoffeln; der Koch erklärt, ich könne drei Sachen auswählen, aber es sind nur noch gelbe Bohnen da, anderes Gemüse ist schon aus. Also nehme ich Bohnen, auch wenn die nicht wirklich zum Fisch passen, aber sie sind ja gratis.
Am Nebentisch sitzt Yulia Fedossova; sie hat ihr letztes Match verloren, aber keine Chance auf Lucky Loser, und ein entsprechendes Gesicht macht sie. Hinter ihr steht, während sie isst, eine uniformierte Leibwache, vermittelt aber eher den Eindruck, als stehe Yulia unter Arrest.

Katarina Srebotnik, eine Spielerin des Hauptfeldes, erscheint; locker in T-Shirt und Jeans gekleidet, winkt nett zu mir herüber, während sie sich mit jemandem unterhält. Ich erfahre später, dass sie ihr Viertelfinalspiel in Rosmalen wegen einer Knöchelverletzung abgesagt hat.

Auf dem Weg zu Andrea Hlavackovas Doppelmatch sehe ich die österreichische Fotografin Manuela Davies, die bei einem Herrenmatch fotografiert. Anschließend will ich mir ein Match von Andres Geheimtip Corinna Dentoni anschauen, aber da noch Zeit ist, nutze ich die Zeit, mir wegen des aufkommenden kalten Windes einen Pullover aus dem Auto zu holen.
Besagter Wind hat die Holzkohle des Barbecuegrills am Eingang des Clubs unkontrolliert entfacht, eine riesige Rauchwolke zieht über das Gelände.
Zurück im Club, sehe ich eine alte Dame am Gehstock, die ich als die ehemalige englische Spielerin Ann Clark erkenne. Als ich ein Foto mache, wendet sie sich von mir ab.

Corinna Dentoni spielt sich ein, genau beobachtet von ihrer Trainerin, die ich als Laura Golarsa, einer ehemaligen Spielerin identifiziere. Während ich beim Spiel Fotos mache, achte ich stets darauf, was um mich herum vor sich geht, denn ich bin fast sicher, dass das Doppel von Maria Kirilenko und Flavia Pennetta wegen der fortgeschrittenen Zeit auf einen anderen Court verlegt und damit erheblich vorgezogen wird. Als ich Marias Coach Eric van Harpen zu einem Court gegen sehe, folge ich ihm, und tatsächlich sind dort bereits die Namensschilder des hierher verlegten Doppels an der Anzeigentafel angebracht.
Nach dem Spiel spreche ich kurz mit Eric van Harpen – erzähle ihm, dass ich daheim noch sehr alte Fotos habe, die ihn mit seiner damaligen Spielerin Ana Ivanovic beim Training in Luxemburg zeigen, und die zu machen er mich damals gebeten hatte. Ich gebe ihm meine Karte und bitte ihn, sich per a-Mail zu melden, ich würde ihm die Fotos dann senden.
Er ist sehr dankbar, ist natürlich sehr an diesen Fotos interessiert, da Ana inzwischen Welt-ranglisten-Erste ist, und verspricht, sich gelegentlich erkenntlich zu zeigen. Ich sage, ich hätte großes Interesse an einer kleinen Fotosession mit Maria Kirilenko, und er verspricht, in der nächsten Weoche etwas zu arrangieren.
Damit sind die Qualispiele in Roehampton beendet – der morgige Freitag ist spielfrei, und so haben wir Zeit für eine Stadtbesichtigung in London.
Eine SMS von Andre besagt, daß er aus Eastbourne zurück ist und Hunger hat. Auf der Fahrt durch Putney hat er gesehen, daß es hier auch ein „Wetherspoon’s“ gibt, und wir treffen uns dort auf ein Chicken Tukka Masala. Andre erzählt, dass Caroline ihr Viertelfinalspiel in Eastbourne leider verloren hat.
Im Pub „Arab Boy“ schauen wir zusammen mit einigen Engländern Fussball GERMANY-PORTUGAL 3-2, die polnische Barfrau Silvia bringt uns unser Guinness sogar an den Tisch – gänzlich unüblich in England! Hier herrscht eiserne Pflicht zur Selbstbedienung an der Theke. Womit haben wir das verdient?

Freitag, 20. Juni
Der Tag ist eher bewölkt, eigentlich sehr angenehm für eine Stadtbesichtigung in London. Wir kaufen für 5.- Pfund ein Travel Ticket für die U-Bahn, das zum ganztägigen Fahren mit beliebig häufigem Umsteigen berechtigt.
Wir fahren bis „Monument“, gehen zu Fuss über die London Bridge, dann an der Themse zur Tower Bridge, dann vorbei am Tower Hill, wieder entlang der Themse, essen in einem Pub ein BBQ Chicken, genießen im OXO Tower den Ausblick von der öffentlichen Aussichtsterrassse im 8. Stock, buchen für 15.50 Pfund pro Person einen Flug im Riesenrad „London Eye“ und genießen von dort einen trotz des grauen Himmels noch viel besseren Ausblick, werden an einem Postkartenstand von den dortigen Fotos zu eigenen Ideen inspieriert, beobachten vor dem „London Eye“ dort aktierenden Artisten, gehen entlang dem Parlamentsgebäude und Big Ben Richtung Trafalgar Square, - da ist der Akku meiner kleinen Kamera leer. Am Trafalgar Square muß Andre allein fotografieren, ich bin nur das Modell, bevor wir mit der Tube wieder heimwärts fahren.
In Putney versuchen wir ein italienisches Restaurant; die Speisekarte gibt bei den Pizzen drei verschiedene Größen vor. Wir entscheiden uns - bescheiden wie wir sind - für die mittlere, der Kellner rät ab und empfiehlt eindringlich die kleine Version, denn die anderen seien viel zu groß.
Als er die Pizzen bringt, stellt sich heraus, dass schon diese kleinen erheblich größer als die in Deutschland „normal“ genannte sind. Die große Version hätten wir heute sicher auch geschafft, aber zwei davon hätten niemals auf unseren kleinen Tisch gepaßt.
Da alle anderen Tische des Restaurants reserviert sind, werden die außer uns einzigen weiteren beiden Gäste direkt neben uns platziert: ein junges Mädel mit einem wenige Jahre älteren Mann, die auf holländisch über die Tennisweltrangliste sprechen. Wir entscheiden später, daß es sich um eine Juniorin des anstehenden Turniers in Roehampten und ihren Coach handelte.

Im Pub „Arab Boy“ schauen wir Fußball: heute spielen Türkei-Kroatien 0:0, während die Dorfschlampe von allen Männern im Dartspiel unterrichtet wird. Bis zum Ende der Fußball-Verlängerung 1:1 trifft sie mit den Pfeilen sogar das Brett, und während des Elfmeterschießens, bei dem zwei kroatische Spieler am Tor vorbei schießen, übt sie das genaue Anvisieren einzelner Felder.

Samstag, 21. Juni
Am Frühstückstisch lernen wir neue Gäste kennen: Mrs. Robinson aus Kanada und ihren Sohn, der mit seinem roten Wuschelkopf aussieht wie Pumuckl. Sie erzählen begeistert, daß sie schon mal in Deutschland waren, nämlich in Holzminden! Sie wollen heute mit einem Boot auf der Themse von der London Bridge nach Greenwich fahren.
Für Andre ist heute sein letzter Tag auf der Insel. Er hat eine Fähre um 15.00 Uhr gebucht, fährt aber auf „gut Glück“ schon viel früher nach Dover, um vielleicht eine Fähre vor der gebuchten zu erwischen und damit rechtzeitig um Fussball daheim zu sein.
Auf dem Weg nach Southfields fahre ich trotz des schlechten Wetters noch im Roehampton-Club vorbei, aber wie erwartet ist dort nicht das geringste los. Sogar die Netze sind abgebaut; das und der relativ feuchte Rasen lassen darauf schließen, dass hier heute nichts passiert.
Auf dem Weg nach Southfields erhalte ich eine SMS, freue mich dass Jelena sich schon so früh meldet, aber es ist nur die dritte Begrüßung von O2 in ihrem Netz.
In Southfields werde ich von Alan und Sandra Afriat herzlich begrüßt, aber gleichzeitig entschuldigen sich beide, dass das Zimmer noch nicht wirklich bezugsfertig ist; es riecht noch streng nach Farbe, da Alan erst gestern einen durch ein undichtes Dach entstandenen Wasserfleck an der Decke neu gestrichen hat. Er habe es schon früher hätte streichen können, aber wirklich Sinn habe es natürlich erst nach Reparatur des Daches gehabt, und das sei eben erst vor wenigen Tagen passiert. Klingt ja plausibel.
Ich berichte vom bisherigen Verlauf meiner Reise auf der Insel, aber ich weiß immer noch nicht, was ich heute mache; bei dem Nieselregen besteht wohl eher keine Chance auf Training in Roehampton. Ich wollte eventuell einige Modellbahnläden in London besuchen, habe heute aber nicht wirklich Lust dazu. Als der Nieselregen aufhört, spaziere ich zu Fuß in Richtung Wimbledon (wohlgemerkt zum Ort Wimbledon, nicht zum Tennisclub), wo mir an vielen Häusern Schilder auffallen, die darauf hinweisen, dass diese Häuser zum Verkauf stehen oder kürzlich erfolgreich verkauft wurden. Zufällig finde ich einen kleinen Supermarkt mit Internetcafé. Für 2,- Pfund Mindestgebühr habe ich eine Stunde, um meine e-Mails zu checken. Sich durch 84 neue Mails sowie 212 Spam Mails zu kämpfen, dauert allerdings seine Zeit, aber es bleiben sogar noch einige Minuten, um mein Facebook-Profil zu aktualisieren: „Dieter ist in Wimbledon“.
Gegen Mittag gehe ich zurück Richtung Southfields, esse unterwegs einen Chicken Cheese Burger, und entschließe mich, mal am Tennisclub zu erkunden, ob ich Zutritt erhalte. Am Spielereingang muss ich zwei Wachleuten mein Begehr darlegen, aber sie sind sehr freundlich und zuvorkommend, und stellen mir einen Tagesbesucherausweis aus. Leider kann man diese Prozedur nicht jeden Tag durchziehen. An der Spieler-Rezeption muß ich von einer noch freundlicheren älteren Dame erfahren, dass Jelena zwar da ist, sie habe sie sowohl gestern als auch heute früh gesehen, aber sie habe keinen Namen für einen Gast hinterlassen. Sie könne das nicht einfach veranlassen, ich müsse sie schon suchen und zum Ausstellen eines Passes auch selbst mitbringen. OK, kann ja so schwierig nicht sein, denke ich, es ist ja nur ein Gelände von ca. 3 qkm und momentan sind ja auch nur ca. 1.000 Leute da, die geschäftig umhereilen. Ich gehe also wohl am besten zu den Trainingsplätzen, denke ich, denn da ist die Chance, Jelena zu finden, sicher am größten.
Gisela Dulko kommt mir entgegen, aber sie hat Jelena heute noch gar nicht gesehen. An den Trainingsplätzen abgekommen, finde ich zwar viele Bekannte, von Gottfried, genannt „GoGo“, den ich von vielen Turnieren als Schlägerbespanner kenne, der hauptberuflich Tennislehrer in Österreich ist, aber nebenbei für ISOSPEED arbeitet, bis zu Iveta Benesova oder Katarina Srebotnik, die sich gerade auf ihr Training zusammen mit Svetlana Kuznetsova vorbereitet, aber von Jelena Kostanic finde ich keine Spur.
Eine mir völlig unbekannte holländische Spielerin wird nacheinander von zwei Fernsehteams interviewt.

GoGo stellt mich dem Trainer von Dominika Cibulkova vor und erklärt ihm, ich sei ein deutscher Fotograf, der auf Off-Court-Fotos spezialisiert sei, und gern mit seiner Spielerin eine Session haben würde. Ich ergänze, es würde maximal 15 Minuten dauern, und es sei wohl am besten, es gleich morgen zu machen, denn während des Turniers würde es ja sicher zu sehr ablenken. Er verspricht, sich mit Domenika zu beraten und mir noch heute per SMS Bescheid zu geben.
Plötzlich erspähen meine schwachen Augen am allerletzen Trainingsplatz eine Spielerin in einem roten T-Shirt, das ich aus Roehampton kenne: ja, da trainiert Jelena. Sie kann mir nicht mehr entkommen, denn ich stehe sowieso schon am Ausgang aller Trainingsplätze. Als sie kommt, winkt sie schon von weitem freudestahlend, und erklärt mir, sie habe sich erkundigt, ja, sie bekommen als Lucky Loser zwar tatsächlich nur ein einziges Badge, aber ihr Trainer könne über eine andere Spielerin ein Badge bekommen, also sei es kein Problem, mir ihr Guest-Badge zu geben. Ich erkläre ihr, dass wir das nur zusammen an der Rezeption klären können, und also machen wir uns auf den Weg. Obwohl ich vor drei Jahren schon einmal Spielergast war, sind meine Daten nicht mehr gespeichert (datensicherheitsmäßig durchaus beruhigend), als muss ich neu fotografiert werden. Alles weitere ist Formsache, und nach wenigen Sekunden habe ich ein offizielles Gäste-Badge um den Hals hängen, das mir für die nächsten zwei Wochen freien Eintritt für das – so behaupte ich – wichtigste Grand-Slam-Turnier der Welt gewähren würde – wenn ich es denn so lange ausnutzen wollte.
Beim anschließenden Rundgang über das ganze Gelände, schließlich muß ich das neue Badge ja ausnutzen, treffe ich GoGo wieder, und er schließt sich mir an. Wir sehen auf so gut wie allen Plätzen wichtige Spielerinnen und Spieler beim Training – Maria Sharapova und Dominika Cibulkova trainieren miteinander, indem sie einfach zwei komplette Sätze unter Matchbedingungen spielen; wie ihr Trainer uns danach erklärt, lautet das Ergebnis 1:6 für Dominika – 6:4 für Sharapova, und darauf kann Dominika als momentane Nummer 30 der Welt (Sharapova ist Nr. 3) sicher stolz sein.
Roger Federer geht an uns vorbei, aber ohne seine Freundin Mirka, die ich noch aus ihrer aktiven Zeit kenne und seit Jahren liebend gerne wiedersehen würde; statt dessen ist er in Begleitung von Marie Joe Fernandez und ihrer kleinen Tochter.
Weiterhin finden wir Anna Chakvetadse beim Training; ihr Vater hat gerade keine Zigarette im Mund, und diesen Moment muß ich unbedingt fotografisch festhalten.
Ana Ivanovic, die aktuelle Weltranglistenerste, kommt vom Training, begrüßt mich herzlich, und GoGo macht schnell ein Foto von uns beiden.
Als GoGo einen Telefonanruf erhält, nutze ich die Zeit, um mit Selbstauslöser ein Foto von mir selbst vor menschenleerer Kulisse zu machen; diese Gelegenheit wird es in den nächsten zwei Wochen kein weiteres Mal geben. Ich stelle meine Kamera auf den Rand eines Blumenkübels, löse eine Dreierserie aus und positioniere mich selbst vor der Kamera. In diesem Monet öffnet sich eine Tür, und Jelena kommt heraus. Ich ziehe sie schnell zu mir, erkläre ihr, ich mache gerade ein Foto, sie begreift aber nicht, da die Kamera viel zu klein ist, um sie auf den ersten Blick vor den großen Blumen zu sehen, versteht nicht, was ich will, lässt sich trotzdem in den Arm nehmen, aber nach dem ersten Blitz hat sie doch verstanden, und lächelt sogar in die Kamera. Anschließend sagt sie, wenn ich ein Foto von mir selbst haben wolle, könne sie das ja machen; ich verneine, denn eines mit ihr zusammen ist doch dreimal besser als eines von mir allein. Sie lacht.
GoGo will noch einige Andenken kaufen, und da der Shop in wenigen Minuten schließt, müssen wir uns beeilen. Ein letzter Besuch der Trainingsplätze, wo aber keine wichtigen Spieler mehr zu sehen sind, beendet den Tag.
GoGo muß mit der S-Bahn einige Stationen zu seinem Hotel fahren; vorher gehen wir in der Nähe des Southfields-Bahnhofs bei einem Italiener auf ein Nachtmahl, wie es die Österreicher sagen. Wir sitzen draußen an der Straße, und sehen währen des Essens Dinara Safina mit Mutter vorübergehen. Andrea Vanc und die von ihr betreute Spielerin kommen vorüber und begrüßt uns lächelnd. Unmittelbar darauf erscheinen Dominika Cibulkova und ihr Coach. Während sie zunächst nur mit GoGo spricht, erklärt ihr der Coach offenbar zwischendurch, dass ich der Fotograf bin, der sie fotografieren will. Sie fragt noch mal nach, wofür das denn sei, ich erkläre es ihr, und sie sagt zu, mir morgen Bescheid zu sagen.
Ich bringe GoGo noch zum Bahnhof und gehe dann heim. Mit dem Abschluss dieses Tagebuch-eintrags geht ein sehr erfolgreicher Tag zu Ende, der doch so depressiv begonnen hatte. Ob der Sonntag ebenso erfolgreich wird? Werde ich Mirka treffen? Lesen Sie weiter…

Sonntag, 22. Juni
Lautes Krähengeschrei weckt mich um 08.30 Uhr, sonst hätte ich wohl noch länger geschlafen. Sandra bereitet mir in ihrer geräumigen, durch einen kleinen Wintergarten erweiterten Küche ein reichhaltiges englisches Frühstück, mit Spiegelei, Speck, Champignons und zwei halben gebratenen Tomaten.
Um 10.0 Uhr mache ich mich auf den ca. zehnminütigen Fußmarsch zum AELTC. Auf den Trainingsplätzen finde ich Maria Sharapova, die mit Lindsay Davenport trainiert. Mich interessiert aber Daniela Hantuchova viel mehr, die zwei Plätze weiter mit ihrem Trainer Sanchez-Casal arbeitet. Als sie einen verschlagenen Ball nahe des Zauns einsammelt, erkennt sie mich und begrüßt mich herzlich. Ich schaue längere Zeit beim Training meiner absoluten Lieblingsspielerin zu.
Anna Fitzpatrick erscheint und setzt sich neben mich auf die Bank, um ebenfalls zuzuschauen. Ich erkläre ihr, dass ich in den letzten zwei Wochen ca. 300 Fotos von ihr gemacht habe; obwohl das eher untertrieben ist, denn es dürften eher doppelt so viele sein, aber die Zahl 600 zu nennen erscheint mir eher unglaubhaft, ist sie beeindruckt. Ich gebe ihr meine Karte mit der Adresse meiner Homepage, damit sie nach dem Turnier mal hereinschaut. Und wenn sie mir eine e-Mail mit ihrer Adresse sendet, verspreche ich ihr eine CD mit allen Fotos zu senden. Sie dankt herzlich. Da wir gerade so schön im Gespräch sind, zeige ich ihr mein Album mit Off-Court-Fotos, sie nennt es beeindruckend. Wir vereinbaren ein kleines Shooting, vielleicht am Nachmittag, vielleicht morgen, falls sie dann nicht spielt.
Ein Fernsehteam erscheint und fragt Michaella Krajicek nach einem Interview, sie verweigert sich aber. Trotzdem spricht sie lange mit dem Reporter, aber ohne Kamera.
Marta Domachowska trainiert auf einem abseits gelegenen, etwas erhöhten Platz. Für Zuschauer außerhalb des Courts liegt der Platz etwa auf Brusthöhe; ich hebe das Netz etwas an und bin mit der Kamera auf Bodenhöhe des Trainingsplatzes. So gelingen mir Fotos aus einer einzigartigen Perspektive.
Ich treffe GoGo gerade rechtzeitig, um gemeinsam zum Mittagessen in die Players Lounge zu gehen. Es gibt Beef Bourgogne, was sozusagen Gulasch ohne Sauce ist, und mit Kartoffeln und Blumenkohl sehr gut schmeckt. Wieder sind die gekochten Kartoffeln ungeschält; das scheint man hierzulande gar nicht anders zu kennen. Ich werde es daheim auch einmal so probieren.
Von der Terrasse aus sehen wir, dass der neue Court 2, der noch im Bau ist, geöffnet sein muß, denn es sind einige Leute auf dem Rang zu sehen. Wir beschließen, es auch einmal zu versuchen, und finden tatsächlich einen offenen Eingang, der einen Blick auf den halb fertiggestellten Platz erlaubt. Am Rand stehen acht lebensgroße Terracottafiguren, die ATP-Spielern nachempfunden sind. Eine Informationstafel informiert, dass diese Spieler am Masters 2007 in Shanghai teilgenommen haben. Nach dem Wimbledon-Turnier sollen die Figuren den Spielern übergeben werden. Was diese dann damit machen sollen, steht da nicht.

Auf den Nebenplätzen werden mit kleinen Markierungswagen die weißen Linien aufgebracht; wir erfahren von dem Arbeiter, dass es sich um eine Mischung aus Farbe und Kalk handelt.
Ein weiterer Mann testet mit einem Gerät die Bodenfestigkeit des Platzes.
Zurück auf den Trainingsplätzen, finden wir Maria Kirilenko, die sich auf ihr Training vorbereitet. Ihr Trainer Erik van Harpen geht an ihr vorbei, ohne sie zu sehen; Maria ruft ihm zweimal ein schüchternes „Erik“ hinterher, aber es ist so leise, dass selbst ich es - neben ihr stehend - kaum höre. Aber Erik kommt aus eigenem Entschluß zurück, und beide finden sich ...

Daniela Hantuchova trainert zum zweiten Mal. Der bekannte amerikanische Fotograf Art Seitz steht auf halber Höher einer Treppe, um über den Zaun hinüber zu fotografieren.
Ich tue es ihm gleich und höre ihn murmeln: „Komm, zieh endlich dein T-Shirt aus ... ich will dich oben ohne ...“ Als sich unsere Blicke begegnen, sagen wir „Hi“, und ich erkläre ihm, dass ich mit Daniela ihr allererstes Off-Court-Shooting gemacht habe, auf dem zweiten Turnier ihrer Karriere. Ob er wirklich beeindruckt ist, kann ich nicht heraushören, aber jedenfalls fragt er interessiert nach, wo das gewesen sei. Ich gebe ihm meine Karte und erkläre, dass ich zwar nur Amateur bin, aber ihn gerne einlade, meine Homepage zu besuchen. Er verspricht es.
Hinter uns stehen viele Spielerinnen und Coaches sowie andere Zuschauer; Art macht mich auf ein Mädel aufmerksam, merkt, dass ich sie nicht gleich finde, und er regt sich auf: “Wenn du die nicht siehst, bist du blind! Kein Wunder, dass du nur Amateur bis!“
Als ich sehe, wen er meint – die Freundin des ATP-Spielers Melzer sitzt auf einer Bank mit halb offener Bluse – und ich mich wieder zu ihm umdrehe, ist er schon wortlos verschwunden.
Ich kehre zu den Zuschauerbänken der Trainingsplätze zurück; ein Ordner will mein Badge kontrollieren, lässt mich dann aber passieren und erklärt den anderen beiden Ordnern, die neben ihm stehen: „Spielergast“.
Ich beobachte die Ordner und finde heraus, dass sie das Gelände nach Pressefotografen durchsuchen und diese dann freundlich bitten, den Platz zu verlassen.
Ein japanischer Fotograf, aber ebenfalls mit Spielergast-Badge und deshalb nicht vertrieben, spricht mich mit „Hallo, du bist Dieter?“ an. Ich bestätige, und wir tauschen unsere Visitenkarten aus. Er erklärt, er kenne mich und meine Fotos aus dem Internet, finde sie toll, sowohl die Matchfotos als auch die Off-Courts, und sei froh, mich persönlich kennenzulernen. Ich bin berühmt!
Als ich später Caroline Wozniacki beim Training mit Urszula Radwanska fotografiere, kommt wieder ein Ordner zu mir, kontrolliert mein Badge und erklärt, zum Fotografieren benötige ich einen Presse-Akkreditierung, und hier auf den Trainingsplätzen noch eine zusätzliche Zulassung; als Spielergast dürfe ich aber gar nicht fotografieren. Ich will keinen Streit, bevor das Turnier überhaupt angefangen hat, und da ich sowieso genug Fotos habe, stelle ich die Arbeit ein und verstaue die Kamera in meiner Tasche.
Auf einem abgelegenen Trainingsplatz, und zwar auf dem oben erwähnten erhöhten Platz, finde ich Sabine Lisicki und Raluca Olaru, und mache von beiden Fotos nach dem Domachowska-Vorbild. Gegen die tief stehende Sonne aufgenommen, werden es wunderbare Aufnahmen.
Auf dem Nebenplatz trainiert Viktoria Azarenka mit ihrem Coach.
GoGo und ich machen uns auf den Heimweg. Auf dem Gehweg stehen inzwischen schon die Absperrgitter, die ab morgen die Zuschauer in der Warteschlange schützen sollen. GoGo, der zum ersten Mal in Wimbledon ist, kann sich noch nicht wirklich vorstellen, wie es hier morgen früh aussehen wird. Auch erste Zelte von Fans die hier übernachten wollen, um morgen früh die Ersten an der Kasse zu sein, stehen bereits.
In unserer Pizzeria „Olive“ essen wir heute beide Pizza, ich entscheide mich für die Hawaiian Pizza.
GoGo fährt mit der Bahn zu seinem Hotel – am nächsten Tag erfahre ich, dass er noch schnell zu einem zweistündigen, abendlichen Sightseeing nach London gefahren ist - gehe ich zu meiner Unterkunft. Während im Fernsehen Fußball - Spanien gegen Italien - läuft, verfasse ich noch den heutigen Tagebucheintrag.

Montag, 23. Juni
Auf der TV-Terrasse zeichnet das US-Fernsehen die Begrüßung zur ersten Übertragung auf; die ehemalige Spielerin Kathy Rinaldi ist Co-Moderatorin. Sie und ihr mänlicher Partner müssen mehrmals beginnen, bis drei Sätze im Kasten sind.
Auf den Trainingsplätzen trainieren Jasmin Wöhr und Angelique Kerber; Caroline Wozniacki und Marta Domachowska trainieren miteinander, erzählen sich dabei offenbar polnische Witze – jedenfalls lachen sie ununterbrochen.
Von Roger Federer keine Spur.
Zusätzlich zu den offiziellen Ordnern und Platzanweisern werden englische Bobbies und Feuerwehrleute eingesetzt. Auf dem Vorplatz der Trainingsplätze werden sie abschließend eingewiesen.
Unmittelbar vor der offiziellen Toresöffnung hält der Turnierdirektor eine Ansprache über sämtliche Lautsprecher. Er dankt allen Beteiligten für die Vorbereitungsarbeiten und wünscht viel Erfolg während der kommenden zwei Wochen. Die ersten Zuschauer kommen, schauen sich interessiert auf den für die Öffentlichkeit zugänglichen Trainingsplätzen um.

Walter Thejs, der Chefredakteur des belgischen Tennismagazins und Pressechef der Turniere in Antwerpen und Hasselt, besichtigt das Trainingsgelände und begrüßt mich mit Handschlag.
Der dänische Journalist Troels, der mich seit einer Begegnung in Berlin kennt, fragt, ob ich für ihn, sollte er keinen dänischen Fotografen finden, bei Caroline Wozniackis Spiel morgen einige Fotos machen kann. Ich sage gern zu.

Mein erstes Match des Turniers: Nicole Vaidisova – Zuzana Ondraskova. Anschließend schaue ich kurz beim Spiel von Raluca Olaru vorbei, bevor ich zu Elenea Vesnina gegen Nuria Llagostera-Vives wechsele. Unterwegs treffe ich Thomas Bürgle, der vom Spiel von Angelique Kerber kommt.
Während ich bei Elena Vesnina zuschaue, kommt Jelena Kostanic-Tosic zu mir, die nebenan bei einem Herrenspiel zugeschaut hat. Sie hat bisher noch keine Gegnerin und sagt, es könne Probleme mit meinem Badge geben, falls sie auch morgen nicht zum Einsatz kommen sollte. Sie würde dann jedenfalls am Mittwoch heimfliegen. Ich antworte, daß ich mir darüber eigentlich keine Sorgen mache, denn erfahrungsgemäß gelten Badges von ausgeschiedenen Spielerinnen und deren Coaches ja auch noch einige Tage weiter.
Ich schaue auch kurz beim Spiel Dominika Cibulkova gegen Jie Zheng vorbei; letztere wird einige Tage später Maria Sharapova aus dem Turnier werfen.

Da ich unbedingt das Spiel von Maria Kirilenko gegen Vera Dushevina sehen will, begebe ich mich schon lange vor Beginn zu dem entsprechenden Court, dessen Zuschauerplätze aber vollkommen besetzt sind. Ich warte in der Schlange, um einen Sitzplatz er ergattern; dies geht erheblich schneller als erwartet, und muss vor Marias Spiel noch einen kompletten Satz des Herrenspiels Juan Carlos Ferrero gegen Sam Querrey anschauen.
Bei Beginn von Marias Match erscheint Mr. Bean, der sich neben mich setzt. Ich bin kurz versucht, jemanden zu bitten, ein Foto von uns beiden zu machen, aber das ist mir denn doch zu peinlich.
Maria kämpft zwar hartnäckig, kann aber ihre Erstunden-Niederlage nicht abwenden.

Auf einem Nebenplatz sehe ich noch, wie Anastasia Rodionova gegen Na Li verliert. Ich weiß natürlich nicht, was dort während des Spiels passiert ist, aber da Anastasia der Schiedsrichterin
den obligatorischen Handschlag verweigert, ihr nur ein (sarkastisches?) „Gute Arbeit!“ zuruft, kann ich es mir ungefähr vorstellen.

Auf Platz 11 soll Ashley Harkleroad spielen, es ist aber noch Zeit, so daß ich kurz bei den Trainingsplätzen vorbeischaue, wo ich Barbara Rittner und später auch Gogo begegne. Jasmin Wöhr trainiert schon wieder, diesmal mit Shahar Peer.
Die Schweizerin Timea Bacsinszky trainiert mit der Französin Stephanie Foretz.
Gogo und ich gehen in die Players Lounge zum Mittagessen. Dort sehen wir auf den Monitoren mit den Spielansetzungen, dass Iveta Benesovas Match auf den Center Court verlegt wurde, denn dort sind schon alle Spiele beendet, während man auf vielen Showcourts und Nebenplätzen noch ein reichhaltiges Programm zu absolvieren hat.

Vom obersten Stockwerk der Players Lounge hat man einen genialen Überblick über viele Courts; wir sehen, dass das Spiel von Magdalena Rybarikova gegen Monica Niculescu beginnt, und weil GoGo das gern sehen möchte, begeben uns dorthin. Nach dem ersten Satz wechseln wir jedoch zu Tamira Paszek gegen Francesca Schiavone; letztere ist zwar abgrundhäßlich, aber sie spielt ein sehr fotogenes Tennis.
Auch das Spiel der Berlinerin Sabine Lisicki wird auf den Center Court verlegt, ist damit für uns leider unerreichbar, denn zum Besuch der dortigen Spiele benötigt man zusätzliche Platzkarten.

Ich sehe, daß Ashley Harkleroads Spiel gegen Amelie Mauresmo auf Show Court 2 verlegt wurde und schon im zweiten Satz ist. Ich beeile mich, wenigstens einige Fotos von Ashley zu machen. Nach dem Spiel kehre ich zu Paszek-Schiavone zurück, das aber kurz danach wegen Dunkelheit abgebrochen wird.

Beim Verlassen des Geländes kann der Scanner den BAR-Code meines Passes nicht lesen, der Ordner gibt nach dem dritten Versuch auf und entläßt mich ohne Registrierung. Ist das schon ein Vorzeichen auf morgen früh? Hat Jelena doch recht? Werde ich morgen noch das Gelände betreten dürfen?

Dienstag, 24.Juni 2008
Ich wache um 6.00 Uhr vom Vogelgezwitscher in Alans Garten auf, und lade die 1003 Fotos von gestern auf mein Notebook. Das dauert mehr als eine Stunde. Vor dem Frühstück kann ich sie sogar noch ordnen und mit Spielernamen umbenennen.
Der Einlass zum Turniergelände stellt nicht das geringste Problem dar. Der Ordner wünscht mir einen schönen Tag.
Mein erster Gang führt mich ins Pressezentrum, wo ich an einem der vier frei zugänglichen Internet-Terminals meine E-Mails und Facebook-Einträge lese.

Beim Spiel von Caroline Wozniacki mache ich viele Fotos; noch während des zweiten Satzes verlasse ich das Spiel, um im Pressezentrum auf meinem Notebook einige Fotos davon auszuwählen und zu bearbeiten. Da ich Troels nicht finde, um ihm die Fotos zu geben, sende ich sie kurzentschlossen von einem der Internet-Terminals selbst an seine dänische Zeitung. Danach kehre ich zum Court zurück, wo ich gerade noch Carolines Matchball sehe.

Jemand legt mir von hinten eine schwere Hand auf die Schulter: der englische Fotograf Mick McCarron, der hier ohne Badge und ohne Kamera, also sozusagen als Tourist, unterwegs ist. Er sagt, er habe mich am Vorabend im BBC-Fernsehen gesehen, in Großaufnahme, als ich beim Harkleroad-Mauresmo-Match fotografiert habe.

Ich will unbedingt Fotos von Julia Görges bei ihrem Spiel gegen Katarina Srebotnik machen und muß mich beeilen; denn die Anzeigentafel sagt, dass das Spiel schon im zweiten Satz ist. Die Hast wäre aber nicht notwendig gewesen; ich erlebe eines der längsten und spannendsten Spiele meiner Laufbahn: die Kontrahentinnen trennen sich erst nach insgesamt dreieinhalb Stunden. Julia gewinnt den dritten Satz, da es bei Grand Slams im entscheidenden Satz keinen Tie Break gibt, erst mit 16:14. Julia weint vor Freude, ebenso ihre Mutter, ihr Coach, und auch Fed-Cup-Coach Barbara Rittner; und auch ich habe Tränen in den Augen.

Während des Spiels hatte ich einen Anruf des Fotochefs der SportBILD aus Hamburg erhalten; er benötigte Einzelheiten zu einem Foto von zwei Beachvolleyball-Spielerinnen, das er in der nächsten Woche zum Start der Ostsee-Turniere bringen will. Als ich erkläre, dass ich mich momentan in Wimbledon direkt an einem Court befinde und gerade nicht laut sprechen und eigentlich auch nicht klar denken könne, entschuldigt er sich, wünscht viel Erfolg und erklärt, die Spielerinnen direkt anzurufen, um seine Fragen zu klären.

Inzwischen ist es schon weit nach 17.00 Uhr, ich habe fast unerträglichen Hinger. In der Players Lounge, während ich für Hähnchenbrust mit Pilzsauce anstehe, kommt Sabine Lisicki an mir vorbei. Ich erzähle, immer noch innerlich aufgewühlt, von Julias Marathonmatch mit dem unglaublichen Ergebnis, und Sabine ist sichtlich beeindruckt.
Ich schaue noch bei den Matches von Michaella Krajicek gegen die Neuseeländerin Marina Erakovic und Daniela Hantuchova gegen Sara Errani vorbei.

Da ich heute wegen Caroline Wozniacki mein Notebook dabei habe – das ganztägige Schleppen der schweren Tasche soll sich schließlich gelohnt haben – bearbeite ich im Pressezentrum noch schnell einige Fotos von Julia Görges und lade sie auf ihr Facebook-Profil hoch.
Mit Gogo trinke ich noch ein Abschiedsbier im Pub „Old Garage“, denn er fliegt morgen früh heim nach Wien.
In meiner Unterkunft lade ich noch die 1002 Fotos, die heute entstanden (eins weniger als gestern) auf mein Notebook.

Mittwoch, 25.Juni 2008
Der Einlass zum Gelände ist kein Problem; ich hab’s doch gewußt, alle Befürchtungen völlig umsonst.
An den Trainingsplätzen treffe ich Erik van Harpen, den Trainer von Maria Kirilenko. Wir kommen ins Gespräch; ich sage, ich habe den Eindruck, sie sei extrem schüchtern. Er bestätigt, er habe ihr schon oft empfohlen, in den Spielen mehr aus sich heraus zu gehen und Emotionen zu zeigen. Ich bemerke, man traue sich kaum, sie anzusprechen, da sie stets sehr introvertiert wirke. Er sagt, es sei sicher zu 75 % Schüchternheit, aber auch zu mindestens 25 % Hochnäsigkeit. Sie sei seit ihrer frühen Kindheit stets als Prinzessin behandelt worden, und das mache seinen Job auch nicht gerade einfach.

Im Pressezentrum treffe ich die belgische, ehemalige Spielerin Els Callens, die hier als Fernsehkommentatorin arbeitet.

Der Spielplan ist heute sehr bescheiden; es stehen aber viele Doppelbegegnungen an.
Vor dem Spiel Wozniacki/Craybas gegen Kirilenko/Pennetta treffe ich Paule, der auf wtaworld.com immer sehr kompetente Kommentare liefert. Wir diskutieren, wer der vier auf dem Platz stehenden Spielerinnen aus welchem Grund nicht dazu passt, und wir kommen bei Berücksichtigung verschiedener Kriterien stets zu anderen Ergebnissen:
Eine Spielerin, weil sie im Gegensatz zu drei anderen beim Einspielen noch ihre Trainingsjacke trägt; eine andere, weil sie im Gegensatz zu drei anderen schwarzhaarig ist; eine andere, weil sie im Vergleich zu drei anderen relativ unattraktiv ist.
Das Spiel ist überraschend unterhaltsam, so daß ich mir danach noch ein weiteres Doppel - das Spiel von Janette Husarova und Iveta Benesova - anschaue.
Zum Mittagessen gibt es heute Haifischsteak; mit der englischen Art, die Kartoffeln mit ihrer Schale zu kochen, kann ich mich nicht recht anfreunden; wohl aber mit Blumenkohl „al dente“.

Aus Langeweile gehe ich ins Pressezentrum, und höre dort einen Hinweis auf die Pressekonferenz von Ana Ivanovic, die gerade ihr Match gewonnen hat. Es ist noch eine halbe Stunde Zeit bis dahin. Der Zugang zu dem großen Interviewraum wird streng kontrolliert; normalerweise steht am Eingang, obwohl sowieso schon im abgeriegelten Pressebereich, ein weiterer Ordner, der die Badges der Journalisten penibel kontrolliert. Als Spielergast habe ich natürlich gar kein Recht, mich im Presebereich aufzuhalten, im Interviewraum aber noch viel weniger.
Da momentan noch lange vor Beginn der nächsten Pressekonferenz, hat der Ordner seinen Platz verlassen und unterhält sich mit dem Mädel, das die Statements der Spieler mitschreibt. Ich setze mich im völlig leeren Zuhörerbereich auf einen entfernten Platz, nicke ihnen zu, lache manchmal mit, wenn sie Witze machen, und bin schnell akzeptiert.
Als die ersten Journalisten erscheinen, begibt sich der Ornder auf seinen Platz an der Tür und kontrollert die Badges; ich bin ja schon ein alter Bekannter, den er ungeprüft lässt. So kann ich unbehelligt die komplette Konferenz mit Ana Ivanovic anhören, und da ich schon mal da bin, bleibe ich auch bei den nachfolgenden Interviews mit Natalie Dechy und Serena Williams.

Das Match von Elena Vesnina gegen Rodina bildet den Abschluß des heutigen Tages, dessen Ausbeute von nur 358 Fotos auch symptomatisch für seine geringe Attraktivität ist.

Donnerstag, 26.Juni
Beim Frühstück lerne ich neue Hausgäste kennen: ein irisches Ehepaar. Sie sind aber nicht wegen Tennis da. Wir diskutieren fast eine Stunde lang über die heutige Jugend mit ihrer Musik, über i-Pods und Computer, das stetige Steigen der Haus- und Grundstückspreise, über die Klima-veränderung, über die Verantwortung gegenüber den nachfolgenden Generationen, usw. Aber irgendwann ruft natürlich das Tennis.

Beim Zugang am Gate 2, das ich jeden Tag benutze, scannt der Ornder mein Badge und lässt mich passieren. Während noch mein Gepäck kontrolliert wird, kommt aber der Ordner hinter mir her und erklärt, ich hätte keine Berechtigung, mein Pass sei ungültig. Ich habe zwar schon damit gerechnet, muß aber natürlich überrascht tun. Ich sage nur: „Was? Das kann nicht sein!“, aber er ist hartnäckig: „Ihr Pass ist ungültig!“
Und schon stehen zwei weitere Ordner hinter mir, die jede weitere Diskussion verhindern wollen. Der Ordner erklärt, ich könne Probleme am Tor 5 klären. „Das werde ich tun“, sage ich, und mache mich auf den Weg.
Kaum dort angelangt, zeige ich dem Orner mein Badge und will ihm die Problematik erklären, da nimmt er es schon selbst in die Hand, hält seine Laserpistole auf den Code, diese piept bestätigend, und er wünscht mir einen schönen Tag.

Auf dem Trainingsgelände treffe ich Els Callens, und zusammen beobachten wir, wie der deutsche „Premiere“-Moderator seine Begrüßung aufzunehmen versucht. Er benötigt sechs Versuche, bis die Ansage von seinem neben dem Kameramann stehenden Redakteur akzeptiert ist.

Auf Court 11 spielt Maria José Martinez Sanchez gegen Sania Mirza. Ich komme in der letzten Sekunde vor Spielbeginn, und der Ordner hat keine Zeit, mein Badge genau zu kontrollieren. Durch mein Erscheinen und das große Objektiv meiner Kamera mache ich offenbar einen genügend professionellen Eindruck, so dass er mich auf den Court läßt, wo ich mich auf dem Rasen niederlasse. Hier dürfen eigentlich nur Fotografen mit spezieller Akkreditierung sitzen. Aber oft gehen Engländer davon aus, dass jemand, de etwas tut, auch dazu berechtigt sein muß. Daß sich jemand irgendwie durchmogelt, so wie ich, und man ihn dabei noch kontrollieren muß, sind sie nicht gewohnt.
Maria José gewinnt den ersten Satz überraschend einfach mit 6-0

Ich wechsele auf Court 6, wo Julia Görges heute gegen Marina Erakovic spielt; aber nach ihrem Marathonmatch vorgestern hat sie der Neuseeländerin kräftemäßig nicht genug entgegenzusetzen, und verliert.
Leider verpasse ich wegen dieses Matches das auf Court 14 gleichzeitig ausgetragene Match von Caroline Wozniacki gegen Wozniak, ich sehe nur noch den Matchpoint. Auf dem Weg zum nächsten Platz begegne ich einigen dänischen Fans, die sich gegenseitig mit ihrem Danebro, der dänsiche Flagge, fotografieren.
Auf Court 4 erlebe ich noch den letzten Satz des Doppels von Jasmin Wöhr mit ihrer österreichischen Partnerin Tamira Paszek. Jasmin zeigt mir den aufgerichteten Daumen, als sie mich bemerkt, weil sie sich wahrscheinlich neue Fotos erhofft. Natürlich enttäusche ich sie nicht.

Auf Court 11 will ich das Spiel von Elena Dementieva gegen Timea Bacsinszky sehen, aber dort spielt momentan noch Tommy Haas. Ich verbringe die Wartezeit an der großen Anzeigetafel und fotografiere einige vorbeigehende Zuschauer.
Zum Mittagessen gibt es heute gedünsteten Lachs mit Reis und knackigen Erbsen. Ich stelle mir am Büfett noch einen großen Salat zusammen und bewundere einige Asiaten, die es schaffen, die Schüssel über den Rand hinaus mit einem riesigen Berg zu füllen, und oben drauf noch einige Tomaten legen, ohne daß sie herunterrollen.

Gut gesättigt gehe ich zum Court 11 und komme dort genau zum Ende des Einspielens an. Der Schiedsrichter gibt schon das Match frei, der Ordner weist mich an, schnell und leise auf dem Rasen Platz zu nehmen, und so kann ich wieder ungehindert tolle Actionfotos machen.

Auf Court 3 spielt Daniela Hantuchova gegen Alisa Kleybanova. Falls mein Badge morgen nicht mehr gilt, wäre dies das letzte Spiel meiner Fotografenkarriere – für mich kann es keinen schöneren Abschluß geben. Leider verliert Daniela – nobody is perfect..
Heute gehe ich mit 1280 Fotos heim; im Supermarkt treffe ich Els Callens und Sabine Appelmans am Süßigkeitenregal, was ihnen sichtlich peinlich ist. Ich wähle ein Sandwich und einige Dosen Guinness - das ist mir gar nicht peinlich - denn der Abend am Laptop wird ja noch lang.
Der türkische Kassierer erkennt mich vom vorigen Jahr und weiß, daß ich Deutscher bin, beglückwünscht mich für die deutsche Mannschaft zum Erreichen des Finales.

Freitag, 27.Juni
ist für mich der letzte Tag von WIMBLEDON 2008. Nach längerem Nachdenken fällt mir auf, dass der Order am Tor 2, der mich am Donnerstag nicht einlassen wollte, vielleicht derselbe war, der mich am Dienstagabend nicht ausscanen konnte. Sollten die anhaltenden Probleme also an seinem Lesegerät liegen, und gar nicht an meinem Badge? Ich lasse mich also heute früh von einem anderen Ordner einscanen, und tatsächlich macht das keinerlei Probleme. Die Taschen-kontrolle ist heute zwar besonders genau, aber auch die bestehe ich.
Da das Trainingsgelände noch völlig leer ist – noch nicht einmal die Netze sind aufgebaut - gehe ich zunächst ins Pressezentrum, um meine E-Mails zu checken und einige neue Fotos auf mein Facebook-Album zu laden.
Nachdem das erledigt ist, kehre ich zu den Trainingsplätzen zurück, wo inzwischen die beiden Radwanska-Schwestern Agnieszka und Urszula miteinander trainieren.

Els Callens und Sabine Appelmans tragen Trainingsklamotten und gehen zum letzten Trainingsplatz. Ich kann nicht widerstehen und folge ihnen, um einige Fotos zu machen. Beide sind in großartiger Form. Ich will aber nicht zu lange stören; dass sie sich den allerletzten Platz ausgesucht haben, hat sicher seine Gründe. Als sie später nach ihrem Training an mir vorbeikommen, frage ich, wer gewonnen hat. Els antwortet: „Beide!“, und Sabine fügt lachend hinzu: „Das war nur zum Spaß!“

Juan Carlos Ferrero trainiert auf einem von Zuschauern gut einsehbaren Platz; es sind fast hundert, vor allem sehr junge, weibliche Fans versammelt. Annabel kommt auf dem Weg zu ihrem Trainingspatz vorbei, ruft “Holá, Juan!“ – er antwortet: „Buenos Dias, Anabel!“. Sie kreischt jetzt wie ein Fan: „Ich liebe dich ... willst du mich heiraten .... biiiiittte ..... ich brauche dich .... !!!“ Er ist verwirrt, winkt mit dem Schläger ab, und die englischen Mädels fühlen sich veralbert, denn das würden sie wahrscheinlich auch alle gern rufen.
Das erste Spiel, das ich heute anschaue, ist das Doppel von Gisela Dulko und Maria-Elena Camerin gegen Ekaterina Makarova und Selina Sfar. Makarovas Coach, die ehemalige, schon lange nicht mehr spielende Russin Elena Maniokova sitzt auf einem der wenigen für Trainer reservierten Plätze, denn alle regulären Sitzplätze sind belegt. Deshalb setze ich mich auch auf einen der Trainerplätze, denn ich trage ja auch ein Badge, aber bin natürlich bereit, den Platz zu räumen, sowie er offiziell benötigt wird. Da aber Giselas Bruder schon auf der gegenüber-liegenden Seite sitzt, ist die Gefahr gering.
Kurz nach Spielbeginn erscheint die ehemalige Spielerin Tina Krizan und setzt sich zwischen uns, denn dies ist nun der allerletzte freie Platz. Sie ist überrascht, mich zu sehen, begrüßt mich herzlich.
Im Laufe der Unterhaltung erfahren wir, dass Elena Maniokova nur noch zu den wichtigen Turnieren fährt, sich ansonsten daheim in Moskau um ihren inzwischen elfjährigen Sohn und die neunjährige Tochter kümmert. Wir können es kaum glauben: ist es tatsächlich schon elf oder zwölf Jahre her, dass sie nicht mehr spielt?
Ich frage Tina, was sie denn jetzt so mache. „Naja,“ beginnt sie, „ich habe drei Kinder ...“ – Ich lache, denn erstens ist es weniger als ein Jahr her, dass sie aufgehört hat. Ich sage: „deinen Ehemann würde ich ja gern mal kennenlernen.“ Sie grinst, und fährt ernsthaft fort: „ich helfe ein bisschen beim Fed Cup Team, und kommentiere bei Sendungen des slowenischen Fernsehens. Es ist nicht einfach, nach dem Tennisspielen etwas neues anzufangen. Im Büro arbeiten kann ich jedenfalls nicht.“ – Ich sage, dass ich das zwar verstehen kann, aber dass es gar nicht so schwierig ist, im Büro zu arbeiten, ich mache das ja auch. Man kann die Situationen natürlich nicht vergleichen, denn meine Arbeit im Büro ernährt mich, alles was mit Fotografie und Tennis zu tun hat, ist nur mein Hobby, aber trotzdem geht es. Sie hat es nur sicher noch nicht versucht.
Leider unterbricht ein kurzer Regenschauer – der allererste in diesem Jahr - unsere angeregte Unterhaltung. Ich gehe ins Pressezentrum auf einen Cappuccino.
Als nach dem Schauer die Plätze wieder spielbereit sind, schaue ich mir aber lieber das Doppel von Iveta Benesova und Janette Husarova an; Susanne, die Freundin von Geoff, einem englischen Fan, schaut auch zu, und wir lästern beide über Mr. Bean, der wieder schiefe Fotos macht.

Ein weiterer Regenschauer unterbricht auch dieses Spiel, und ich verbringe die Pause, um einige Zuschauer zu fotografieren. Als ich da stehe, mit der Kamera im Anschlag, fragen mich zwei ältere Damen, auf wen ich denn warte, auf jemand bestimmten, oder nur so? Ich antworte: „auf niemanden bestimmten, nur auf auffällige Leute: besonders hübsch, oder berühmt, oder witzig, oder besonders hässlich“! Über den letzten Zusatz amüsieren sie sich köstlich, und sind froh, dass ich bisher nicht sie aufgenommen habe.

Nach der Regenpause schaue ich kurz beim Spiel von Agnieszka Radwanska zu, bis das Mixed Doppel von Maria Kirilenko und Igor Andreev gegen Alisa Kleybanova und S. Ratiwatana beginnt.
Mr. Bean ist auch wieder da, und er kommentiert alle Spielergebnisse des Tages: was für eine Katastrophe es für das Turnier sei, dass Maria Sharapova gestern ausgeschieden sei, gerade eben auch Ana Ivanovic gegen eine bisher völlig unbekannte Spielerin; dass es ein Phänomen sei, dass die Weltrangliste jetzt von zwei Serbinnen – Ana Ivanovic und Jelena Jankovic – angeführt werde; und dass die Ergebnisse im BBC-Teletext völlig falsch seien – dort habe gestern gestanden, dass Kateryna Bondarenko verloren habe, obwohl die an diesem Tag noch nicht einmal gespielt habe.

Maria und Igor gewinnen ihr Spiel überlegen, und ich erlebe eine glückliche Maria, die vor Freude ihren Spielpartner umarmt und in die Luft springt, wie ich es bei ihr noch nie gesehen habe und auch nie für möglich gehalten hätte. Ich verlasse den Platz und finde ihren Trainer Erik van Harpen an der großen Anzeigetafel, wo er auf sie wartet. Als sie ankommt, umarmen auch sie sich, und sie schenkt mir über seine Schulter hinweg ein breites Lächeln. Kann ein Tag schöner zu Ende gehen?

Obwohl es nach dem Spielplan ein vollkommen langweiliger Tag zu werden schien, hatte ich bis 18.00 Uhr keine Zeit, um zum Essen zu gehen. Während der Regenpause hätte ich natürlich gekonnt, dachte mir aber, die Players Lounge werde dann besonders voll sein. Der Hunger zwingt mich, den letzten Tag ungewöhnlich früh zu beenden, es sind aber ohnehin keine wichtigen Spiele mehr im Gang.

Beim Erreichen des Ausgangs steuere ich absichtlich einen jungen weißen Ordner an, dessen Apparat ja wohl hoffentlich funktioniert. Ich könnte mein Badge auch unter dem Pullover verstecken, gar nicht ausscannen, und damit alle Probleme vermeiden; aber ich will es nun doch nochmal wissen. Der junge Ordner versucht, mein Badge zu scannen, seine Pistole zeigt „ungültig“ an. Er ruft seinen Kollegen um Hilfe; aber auch der versucht es vergeblich. Ich sage, „heute morgen hat es noch funktioniert“ - er antwortet: „das ist ja merkwürdig.“ – „Aber ist ja egal, heute ist sowieso mein letzter Tag,“ erkläre ich, aber er will es weiter versuchen. Nach zwei weiteren Fehlversuchen sagt er in sehr freundlicher Art: “Da kann ich nur eines für Sie tun, Sir: dann wünsche ich Ihnen eine sichere Heimreise.“
Ich lache, bedanke mich und mache mich auf den Weg.

Beim türkischen Einkaufsladen in Southfields kaufe ich noch schnell ein Sandwich und eine Dose Guinness für den Abend, denn es warten noch 485 Fotos, um auf das Notebook hochgeladen zu werden. Beide wünschen viel Glück im Finale – ich verabschiede mich von ihnen bis zum nächsten Jahr.

Samstag, 28 Juni 2008
Abreisetag. Die Kanalfähre ist für 13.35 Uhr gebucht, ich habe also alle Zeit der Welt, um gemütlich ein letztes Mal Alans englisches Frühstück zu genießen, zu packen und nach Dover zu fahren. Das Navi kalkuliert anderthalb Stunden für 135 Kilometer. Da ich über die Autobahn also viel zu früh in Dover ankommen werde, genieße ich zunächst einen Umweg über Landstraßen, denn die kleinen englischen Ortschaften haben es mir wirklich angetan. Trotzdem erreiche ich Dover zwei Stunden vor Abfahrt. Das Angebot, für 20,- Euro Umbuchungsgebühren eine frühere Fähre zu nehmen, lehne ich dankend ab; meine letzten Münzen gebe ich für ein englisches Hörbuch auf fünf CDs, die sich nach Anhören sicher leicht bei ebay versteigern lassen, und eine englische Zeitung aus.
Da der Diesel in England extrem teuer ist, habe ich mir das Tanken dort erspart, bin mit dem letzten Rest auf die Fähre gelangt. Für die Strecke von Calais bis nach Belgien reicht es aber nicht mehr, also muß ich in Calais teuren französischen Diesel tanken, für sagenhafte 1,48 Euro/Liter. Bei Abreise vor drei Wochen habe ich daheim noch für 1,32 Euro/Liter getankt.

Die Fahrtzeit Calais – Hamburg beträgt etwa sechseinhalb Stunden; etwa zwei Stunden davon, auf der Strecke ab deutscher Grenze bis Münster, verbringe ich am Telefon, um Britta erste Erlebnisse und Erkenntnisse zu schildern.
Insgesamt bin ich 1.950 Kilometer gefahren und habe 115 Liter Diesel verbraucht (plus die Strecke von Tunbridge Wells nach Birmingham und zurück, die wir mit Andres Auto gefahren sind). Daheim in Buchholz, beim Vorbeifahren an meiner Haustankstelle, sehe ich auf dem Preisschild exakte 1,48 Euro/Liter.

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