2/15/2017

Patiententagebuch

Patiententagebuch
geführt durch die Schwestern (Namen verfremdet) des Albertinen-Krankenhauses, Hamburg-Schnelsen nach meiner Herz-OP und während meiner Sedierung.
Ich habe es nun schon mehrfach gelesen und musste immer wieder zum Tränenabwischen pausieren. Ich finde keine Worte, um für die einfühlsame, liebevolle und aufopfernde Pflege angemessen zu danken.
Albertinen Krankenhaus, Hamburg-Schnelsen
30.07.2016
Guten Tag, Herr Nagel. Ich bin Schwester Swantje und betreue Sie im Nachtdienst, seit Sie bei uns sind.
Nach Ihrer Herzoperation sind Sie zu uns auf die Intensivstation gekommen zur weiteren Überwachung. Ihre Operation war sehr langwierig und ist nicht komplikationslos verlaufen. Nachdem man Sie von der Herz-Lungen-Maschine genommen hat, hat Ihr Herz seine Tätigkeit nicht mehr richtig aufgenommen. Daraufhin hat man Ihrer Aorta (Hauptschlagader) eine Ballonpumpe eingesetzt. Das brachte aber nicht den gewünschten Erfolg. Daher wurde die Ballonpumpe, wir nennen sie JABP, wieder herausgenommen.
Statt dessen wurde bei Ihnen eine sog. ECMO eingesetzt (Extra korpurale Membran-Oxygenierung). Dieses Gerät entlastet Ihr Herz, damit es sich erholen kann.
Als Sie dann zu uns auf die Intensivstation kamen, waren Sie sehr kreislauf-instabil und Sie haben kreislaufstabilisierende Medikamente bekommen. Aus dem Wundgebiet haben Sie sehr stark geblutet, so dass Sie sehr viele Blutkonserven und auch Frischplasma erhalten haben, um den Blutverlust zu kompensieren. Außerdem haben Sie mehrfach Gerinnungsfaktoren erhalten, um die Blutung zu stoppen. Dies ist uns aber nicht gelungen, und Sie mussten am Morgen des 30.07. erneut operiert werden, um die Blutungsquelle ausfindig zu machen und zu verschließen.
Seitdem hat sich Ihre Kreislaufsituation deutlich stabilisiert, und die kreislaufunterstützenden Medikamente konnten rasch deutlich gesenkt werden. Die ECMO haben Sie aber noch und das wird die nächsten Tage vorerst so bleiben.
Sie bekommen davon wenig (Anm.: gar nichts!) mit, weil Sie Medikamente bekommen, die Sie schlafen lassen. Sie haben noch den Beatmungsschlauch (Tubus) und werden beatmet.
Zusätzlich läuft bei Ihnen noch ein Dialysegerät. Das unterstützt Ihren Säure-Basen-Haushalt. Sie waren in einer schweren Acidose und haben diverse Puffersubstanzen erhalten.
Um Ihre Haut zu schützen, haben wir Sie auf eine besondere Matratze gelegt, die Luft ab- und zupumpt. Vielleicht fühlt es sich für Sie so an, als wären Sie auf einem Schiff, da das Ab- und Zupumpen von Luft leicht schwankende Bewegungen machen könnte. (Anm.: ich habe während dieser Zeit tatsächlich von einer Schiffsreise geträumt. Ob da ein Zusammenhang besteht, kann ich nicht beurteilen. Eine Beschreibung meiner Träume folgt.)
Diese Matratze ist nötig, da wir Sie nicht umlagern dürfen. Das heißt, Sie liegen momentan nur auf dem Rücken. Das Spezialbett ersetzt ein wenig die Positionswechsel, die wir nicht durchführen dürfen. Ihr Kreislauf soll sich weiter stabilisieren. In einigen Tagen werden wir Sie wahrscheinlich im Bett bewegen dürfen.
Das waren ganz schön viele Informationen für Sie, und deshalb will ich es auch für heute dabei belassen. In der kommenden Nacht habe ich wieder Dienst und werde Sie betreuen. Swantje.
31.07.2016
Guten Abend, Herr Nagel.
Wie mir meine Kollegen berichten, war Ihr Kreislauf den ganzen Tag stabil, so dass wir alle kreislaufstabilisierenden Medikamente absetzen konnten. Wir haben begonnen, Sie zu ernähren, aber Ihr Magen hat die Sonderkost nicht weitertransportiert. Deshalb haben wir die Ernährung erstmal wieder ausgesetzt. morgen werden Sie evtl. Medikamente bekommen, die Ihre Darmtätigkeit anregen.
Heute morgen dürfen wir Sie einmal kurz auf die Seite drehen, um Ihre Haut an Rücken und Po zu beurteilen. Es schaut alles gut aus.
Am Vormittag wurde auch der Beatmungsschlauch auf die linke Seite umgelagert, damit sich am Mundwinkel keine Druckstelle bildet. Bis in die frühen Morgenstunden haben Sie die Nacht ruhig verbracht. Dann wurde Ihr Herzrhythmus etwas unregelmäßig, und Sie haben zusätzliche Medikamente erhalten, die Ihren Herzrhythmus wieder normalisieren und stabilisieren. Die ECMO und auch das Dialysegerät sind noch angeschlossen und laufen problemlos.
Das Wetter ist zur Zeit sehr wechselhaft, in knapp einer Woche beginnen die Olympischen Spiele in Rio.
Mein Dienst ist nun bald zu Ende. Ab heute Abend habe ich wieder Nachtdienst, und ich bin gespannt, wie der Tag für Sie verlaufen wird.
Swantje
01./02.08.2016
Guten Abend, Herr Nagel.
heute am Tage war Ihr Kreislauf weiterhin stabil. Im Verlauf des Vormittags hat sich die Pumpkraft Ihres Herzens wieder verschlechtert. Das konnten wir mit Medikamenten wieder gut kompensieren, so dass Ihr Herz wieder mehr Leistung hat.
Wir haben wieder begonnen, Sie über die Magensonde zu ernähren, nur leider transportiert Ihr Magen die Kost nicht weiter. Deshalb erhalten Sie zusätzlich eine Nährlösung über die Vene. Morgen im Verlauf werden Sie wahrscheinlich noch Medikamente erhalten, die den Nahrungstransport unterstützen.
Während meines Dienstes haben Sie kurz die Augen geöffnet, und Sie fangen an, bei pflegerischen Maßnahmen mit Augenzucken und Stirnrunzeln zu reagieren. Damit Sie von unseren Tätigkeiten nicht so viel mitbekommen, habe ich Ihre Medikamente zur Sedierung erhöht. Alle technischen Geräte laufen problemlos.
Insgesamt sind Sie sehr stabil, aber immer noch in einem kritischen Zustand. Und bis zu Ihrer Genesung ist es noch ein langer Weg. Dafür wünsche ich Ihnen wirklich nur das Beste. Mein Dienst ist nun bald beendet, und ich habe einige Tage frei. Ich bin sehr gespannt, wie es Ihnen bei meiner Rückkehr geht und welche Fortschritte Sie bis dahin gemacht haben.
Swantje
Mittwoch, 03.08.2016
Guten Morgen, Herr Nagel,
mein Name ist Alina Hausmann, und ich bin eine von drei Stationsleitungen der C2. Meine Aufgabe in dieser Woche besteht unter anderem darin, Verlegungen und Aufnahmen zu koordinieren bzw. gemeinsam mit allen Beteiligten abzusprechen. Dabei gehe ich häufig von Zimmer zu Zimmer und rede mit meinen Kollegen. Aus diesem Grund war ich auch schon des öfteren in Ihrem Zimmer und sehe somit, wie Sie sich machen.
Heute, am Mittwoch Morgen, werden Sie schon den dritten Tag in Folge von Mario betreut. Mit ihm habe ich vor einer Stunde gesprochen, wie es Ihnen seiner Meinung nach geht. Vielleicht haben Sie es ja zum Teil mitgehört, da Mario meinte, dass Sie nicht all zu tief schlafen. Auf mich wirken Sie entspannt. Sie liegen auf Ihrer rechten Seite auf der Luftmatratze; diese wurde gestern getauscht, da die alte Matratze Luft verloren hatte. Vielleicht haben Sie etwas heftigere Ruckeleien in Erinnerung (Anm.: überhaupt nicht); das kann vielleicht daran liegen, dass Sie von Ihrem Bett in ein anderes - mit heiler Luftmatratze - gelegt wurden.
Hinter Ihnen steht immer noch die Dialysemaschine, links von Ihnen das Beatmungsgerät. Beide geben bei Bedarf akustische Signale. Rechts von Ihnen laufen insgesamt 13 Spritzen-Pumpen mit unterschiedlichsten Medikamenten. Das sind schon enorm viele!
Auch diese Pumpen geben akustische Signale, wenn z.B. der Inhalt der Spritze zur Neige geht. Bei dieser Menge kann ich mir vorstellen, dass in Ihrem Zimmer kaum Ruhe ist, - und ich kann nur hoffen, dass es Sie nicht all zu sehr stört (Anm.: nichts davon mitbekommen bzw. in Erinnerung behalten).
Der Beatmungsschlauch ist im Moment auf der rechten Seite und wird regelmäßig umgelagert, damit Sie keine Druckstellen in den Mundwinkeln bekommen. Im Moment scheinen Sie einen Herpes auf der Unterlippe zu haben. Das wird mit Salbe versorgt.
Lieber Herr Nagel, ich werde regelmäßig schauen, wie es Ihnen geht und wünsche Ihnen viel Kraft für die kommende Zeit.
Alles Gute, Alina
Donnerstag, 04.08.2016
Hallo, Herr Nagel,
ich bin Schwester Monique und habe Sie heute im Frühdienst betreut. Als ich Sie vom Nachtdienst übernahm, waren Sie nicht so stark sediert, haben die Augen geöffnet bei kleinsten Manipulationen am Bett, sind aber noch nicht kontaktierbar. Als ich den Beatmungsschlauch in die Mitte gelegt habe, bekamen Sie einen Hustenreiz.
Es läuft weiterhin die ECMO und die Dialysemaschine.
Heute ist ein Systemwechsel geplant; das heißt, es werden alle Infusionen mit deren Schläuchen erneuert. Sie wirken sehr entspannt. Heute morgen war das mobile Röntgengerät da; Sie haben eine kalte, harte Platte in den Rücken bekommen. Es wurden Herz und Lunge untersucht.
Ich hoffe, dass sich Ihr Zustand bis zu meinem nächsten Dienst verbessert. Für morgen wurde angedacht, die ECMO auszubauen. Ich bin gespannt und hoffe, dass Ihr Herz das gut mitmacht.
Monique
Lieber Herr Nagel,
heute ist Freitag. der 5. August 2016 und ein bedeutender Tag für Sie: die sog. ECMO wird entfernt! Es ist 08.50 Uhr und die Vorbereitungen laufen, um das Ding operativ zu entfernen. Das wird in Ihrem Zimmer geschehen; so bleibt Ihnen das Umlagern auf einen OP-Tisch erspart. Frau Dr. Hausmann hat bereits die Schlafmedikamente erhöht, Schwester Christa, die Sie heute betreut, wuselt im Zimmer herum und bereitet alles weitere vor. Der Zeitpunkt ist mit dem Arbeitsaufwand auf unserer Intensivstation abgestimmt. So kann Schwester Christa sich dann voll und ganz auf Sie konzentrieren.
Ich drücke die Daumen, dass alles gut läuft. Heute habe ich auch "nur" noch elf Spritzenpumpen gezählt. Das ist immer noch enorm viel, aber schon weniger als 13.
Das Wetter scheint auch besser zu werden. Zumindest regnet es nicht. Aber wärmer als 21'C wird es wohl nicht - für Anfang August nicht viel, finde ich.
So, Herr Nagel, ich werde mich weiter um die neuen Aufnahmen und den Ausarbeitungen (Laborröhrchen bekleben, Aufkleber drucken, Bett bestellen ...) kümmern. Ich werde nächste Woche wieder nach Ihnen schauen, bis dahin alles Gute!
Alina Hausmann
05.08.2016
Hallo, Herr Nagel!
Heute bin ich im Spätdienst bei Ihnen. Heute morgen wurde Ihre ECMO "ausgebaut". Das haben Sie sehr gut überstanden, und ich habe Sie kreislaufstabil übernommen. Daraufhin haben wir ganz viele Medikamente reduzieren können - im Moment laufen nur noch sechs Perfusionen. Das ist wirklich gut!
Im Moment arbeitet Ihr Magen nicht so gut, d.h. Ihr Magen transportiert die Sondenkost, die Sie über die Magensonde erhalten, nicht gut in den Darmtrakt. Deswegen haben wir Ihnen ein Medikament gegeben, das Ihre Magen-Darm-Tätigkeit anregt. Das Medikament heißt Erythroian und ist eigentlich ein Antibiotikum. Wir wollen nun auch versuchen, das Dialysegerät bei Ihnen wegzunehmen. Dafür haben Sie einige harntreibende Medikamente erhalten, um Ihre Nieren zu unterstützen. Wenn das klappt, kommt das Dialysegerät weg.
Plötzlich haben Sie einen starken Kreislaufeinbruch erlitten, den wir erst nach einer ganzen Weile wieder stabilisieren konnten. Außerdem haben Sie auf der Brust einen Hautausschlag bekommen - Sie haben offensichtlich eines der Medikamente nicht vertragen. Wir wissen im Moment noch nicht, welches. Wir haben jetzt erstmal wieder kreislaufstabilisierende Medikamente im Einsatz. Somit laufen nun doch wieder elf Perfusionen. Den sog. "Nierenstart" haben wir erstmal gestoppt. Das Dialysegerät wird nun doch erstmal bleiben. Jetzt ist es erstmal wichtig, Ihren Kreislauf wieder zu stabilisieren und die allergische Reaktion zu behandeln. Dafür haben Sie auch Medikamente erhalten.
Den Rest des Nachmittags haben Sie stabil verbracht.
In Rio beginnen heute die Olympischen Spiele. Ich habe das kommende Wochenende frei und bin ab Montag wieder im Dienst. Ich bin sehr gespannt, welche Fortschritte Sie bis dahin gemacht haben. Bis dahin wünsche ich Ihnen ganz viel Kampfgeist und viel Kraft für Ihre Genesung.
Swantje
Samstag, 06.08.2016
Guten Tag, Herr Nagel.
Ich bin Schwester Frauke. Ich betreue Sie heute im Spätdienst von 13 - 21:00 Uhr. Ich habe Sie bereits in zwei früheren Spätdiensten betreut; das war am Anfang, als Sie den ersten postoperativen Tag bei uns waren. Ich freue mich nach ein paar Tagen Urlaub zu sehen, dass Sie die ECMO losgeworden sind.
Heute sind es schon nur noch zehn Perfusionen, die bei Ihnen laufen; davon wird wahrscheinlich während meiner Schicht noch eine weniger. Ein kreislaufsteigerndes Medikament, da Ihr Blutdruck momentan sehr gut ist.
Ich habe bei der Übergabe erfahren, dass Sie gestern mit Unverträglichkeit auf ein Medikament reagiert haben (Erythromgen), das Ihnen eigentlich helfen sollte, die Darmtätigkeit wieder anzuregen. Sie haben mit starkem Blutdruckabfall darauf reagiert.
Sie sind weiterhin noch an der Dialyse angeschlossen, da Ihre Nieren nur eingeschränkt arbeiten und Sie durch die OP noch sehr viel Wasser im Körper haben, welches wir nach und nach wieder rausholen. Alles auf einmal zu entziehen würde der Körper nicht verkraften; es sind schätzungsweise zehn Liter Wasser.
Ich habe bei Ihnen heute das Pflaster auf der Brust von der OP-Wunde am Herzen erneuert. Die Wunde sieht sehr gut aus und zeigt auch keinerlei Anzeichen für eine eventuelle Infektion. Danach haben Sie die Augen geöffnet. Ich habe Ihnen daraufhin nochmals erklärt, was ich hier mache. Ich habe Sie gebeten, die Augen einmal fest zusammen zu drücken. Solche Tests machen wir, um einschätzen zu können, wie viel Sie verstehen, und ob Sie uns verstehen.
Nach so langer Beatmungs- und Sedierungszeit ist es nicht unüblich, dass Patienten über eine gewisse Zeit nicht adäquat reagieren können und noch Zeit zum Wach-Werden brauchen. Sie haben daraufhin die Augen verlangsamt geschlossen und versucht, sie danach wieder zu öffnen; das gelang Ihnen nur zur Hälfte; dann ließen Sie die Augen geschlossen und schliefen wieder ein. Ich war aber schon sehr zufrieden mit Ihrer Reaktion und stolz auf Sie! Sie haben ja schließlich noch Narkosemittel laufen, damit Sie unter anderem den Beatmungsschlauch tolerieren und zum anderen sind Sie noch nicht aus Ihrer kritischen Phase.
Ich habe Ihnen heute die Zähne geputzt und Mundpflege durchgeführt; Sie hatten Ihre Augen geöffnet und ich habe Sie gebeten, wenn es für Sie unangenehm wird, die Augen fest zusammen zu kneifen. Das haben Sie sofort getan, daraufhin habe ich Ihnen ein Medikament gespritzt, das Sie schlummern lässt.
Ich habe Sie auf Ihre linke Seite umgelagert, damit Sie etwas Richtung Fenster schauen können und noch die Abendsonne mitbekommen. Naja ... soviel man aus dem Fenster eben sehen kann. Und natürlich auch, damit Sie sich nicht wund liegen.
Das Wetter ist heute sehr wechselhaft, mal sonnig, mal bewölkt, aber kein Regen.
Sie haben zu meinem Feierabend wieder vermehrt die Augen geöffnet; ich habe mich für heute von Ihnen verabschiedet. Morgen bin ich wieder da und freue mich auf weitere kleine Fortschritte.
Gute Nacht!
09.08.2016
Lieber Herr Nagel,
ich stelle mich erstmal vor. Ich bin Schwester Ann-Christin (Anm.: die sich im Verlauf zu meiner absoluten Lieblingsschwester entwickelte), und habe Sie gestern Nachmittag und heute Vormittag betreut. Gestern morgen wurde bei Ihnen das Dialysegerät abgebaut, und Sie bekommen jetzt ein Medikament, damit Ihre Nieren wieder gut Urin produzieren. Ich lese jede Stunde ab, wie viel Urin (durch den Blasenkatheter) gelaufen ist. Ansonsten war gestern ein ereignisreicher Tag. Gestern Mittag sind Sie tracheotoniert worden, das heißt, Sie haben jetzt vorne am Hals eine Kanüle (Schlauch), über den Sie beatmet werden. Der Beatmungsschlauch, den Sie über den Mund hatten, ist während der Tracheotonie gezogen worden. Und an Ihrer linken Seite haben Sie noch eine Drainage bekommen. Im Vergleich zu gestern konnten wir heute schon einige Medikamente reduzieren. Unter anderem haben wir Ihre Sedierung stark reduziert. Das heißt, Sie werden jetzt immer wacher, und Sie öffnen immer wieder mal die Augen und schauen mich an, wenn ich an Ihrem Bett stehe. Ich erkläre Ihnen, was ich gerade mache - die Magensonde kontrollieren, den Mund auswischen - oder warum ich Sie anders hinlege. Ich glaube, Sie verstehen schon genau, was ich Ihnen erzähle. Sie sind halt noch sehr schlapp und können mir noch nicht die Hände drücken, aber wenn ich Sie darum bitte, können Sie die Augen schließen. Zur Zeit können Sie wegen der Trachealkanüle (dem Schlauch in Ihrem Hals, über den Sie beatmet werden) noch nicht sprechen. Eben haben Sie sich auch umgeschaut, was in Ihrem Zimmer los ist, weil es plötzlich etwas lauter wurde: die Kollegen haben nämlich die Schränke mit neuen Medikamenten, Spritzen und Handtüchern aufgefüllt.
Zwischendurch scheint mal die Sonne in Ihr Zimmer, aber das Wetter ist heute sehr wechselhaft; es hat vorhin auch schon ordentlich geregnet. Ich wünsche Ihnen alles Gute!
Ann-Christin
Dienstag 09.08.2016
Guten Tag, Herr Nagel, ich bin es noch mal, Schwester Frauke.
Gestern war ein stressiger Tag, daher hole ich den Eintrag jetzt nach und mache einen Nachtrag zum gestrigen Tag. Schwester Ann-Christin hat liebevollerweise schon geschrieben, ich wollte noch den Vormittag beschreiben.
Gestern Vormittag war ich, wie gesagt, bei Ihnen. Sie haben von mir einen sog. Schwenkeinlauf erhalten, da Sie seit mehreren Tagen keinen Stuhlgang hatten. Dafür haben wir Sie auf die linke Seite gedreht. Sie haben vielleicht noch ein unangenehmes Gefühl im rektalen Bereich in Erinnerung, da man für dieses Vorgehen ein sog. Darmrohr einführt und darüber eine abführende Flüssigkeit in den Darm leitet. Dieses Vorgehen war mit gutem Erfolg. (Anm.: zum Glück keinerlei Erinnerung)
Heute sind Sie schon etwas wacher . Sie haben zu meinem Schichtbeginn geweint, das mir und uns allen deutlich zeigt, dass Sie die Situation verstehen. Ich habe währenddessen neben Ihnen gestanden und Ihre Hand gehalten. Ich habe ein paar Worte gesagt und Ihre Hände und Beine etwas bewegt.
(Anm.: Liebe Frauke, ich habe nicht wegen meiner Situation geweint - ich habe mich in euren Händen vollkommen sicher gefühlt. Nein, ich habe aus Rührung über eure liebevolle und aufopferungsvolle Pflege geweint - und auch, während ich dies schreibe, kommen mir wieder die Tränen.)
Mittwoch 10.08.2016
Hallo, Herr Nagel. Heute bin ich wieder im Spätdienst für Sie da. Ich betreue noch zwei weitere Patienten, aber trotzdem versuche ich, so oft es geht, bei Ihnen zu sein und Ihnen meine Aufmerksamkeit zu spenden, soweit es möglich ist.
Sie haben heute schon einen fixierenden Blick und haben mich angelächelt, als ich Sie begrüßt habe, und haben versucht, mir etwas zu sagen. Ich habe mich wirklich sehr gefreut, denn das ist allein zu gestern schon ein riesiger Sprung nach vorne!
Ich entschuldige mich hier auch noch einmal bei Ihnen, dass ich so eine grottenschlechte Lippenleserin bin ... Sie mussten auch lachen, als ich Ihnen das sagte.
(Anm.: was Ann-Christin geflissentlich verschweigt: dass ich zweimal versucht habe, Sie zu küssen. Sie hat sich aber nicht weit genug zu mir herunter gebeugt.)
Samstag, 13.08.2016
Wir haben es gerade eigentlich schon Sonntag, denn es ist 3:15 Uhr in der Nacht, und ich habe gerade etwas Zeit, in Ihr Tagebuch zu schreiben. Sie liegen gerade auf dem Rücken in Ihrem Bett und schlafen.
Es ist jetzt die zweite Nacht, in der ich Sie betreue, und ich habe das Gefühl, dass Sie jeden Tag etwas kräftiger werden. Letzte Nacht habe ich mit einer Kollegin zusammen herausgefunden, dass Sie gerne Ihr Handy hätten. Dies hatte ich vorige Nacht von Station geholt, und heute Abend haben wir es eingeschaltet. Ich habe mich sehr gefreut, dass Sie direkt auf Anhieb ihre PIN wussten. Ich habe aber einige Anläufe gebraucht, bis ich alle Zahlen richtig verstanden habe.
Sie haben dann probiert, unter den Notizen etwas einzutragen, aber die Tasten richtig zu drücken hat noch nicht geklappt.
Ich habe Sie danach gefragt, ob Sie einen Laptop haben, was Sie bestätigten. Aber leider haben Sie ihn nicht dabei; auf einer richtigen Tastatur zu schreiben würde bestimmt schon besser klappen als auf dem kleinen Touch Screen auf dem Handy. Ich werde es weitergeben, dass man Ihre Cousine mal nach Ihrem Laptop fragt.
Ihnen erstmal noch eine erholsame Nacht!
Ann-Christin
Sonntag, 14.08.2016
Lieber Herr Nagel,
heute bin ich wieder im Nachtdienst für Sie zuständig. Als ich heute Abend zum Dienst gekommen bin, haben Sie noch etwas ferngesehen, aber dann wollten Sie gerne schlafen. Ich habe Sie mit einer Kollegin zusammen noch mal gebettet. Sie können inzwischen beim Drehen schon wirklich gut mithelfen. Wir legen beim Drehen gerne eine "Slide" mit in den Rücken, damit können Sie mit wenig Unterstützung leicht im Bett hoch rutschen.
Seitdem haben Sie überwiegend geschlafen, zwischendurch machen Sie immer mal die Augen auf, wenn ich im Zimmer bin.
Für morgen ist geplant, Sie nach Barmbek in ein Weaningzentrum zu verlegen. Die dortigen Kollegen sind darauf spezialisiert, Sie von der Beatmung zu entwöhnen. Das Ziel ist, bald die Trachealkanüle (den Schlauch, über den Sie gerade noch atmen) entfernen zu können.
Wenn der wieder raus ist, können Sie wieder ganz normal sprechen und haben Ihre Stimme wieder. Die haben wir hier ja noch gar nicht gehört!
Ich wünsche Ihnen alles Gute, viel Kraft und Gottes Segen für Ihre weitere Genesung!
Viele liebe Grüße
Ann-Christin
Montag, 15.08.2016
So, lieber Herr Nagel, ich muss eben schauen, dass die Verlegungen gut geplant sind. Im Moment ist für Sie der morgige Nachmittag anvisiert. Ich hoffe, dass die Kolleginnen und Kollegen in der anderen Klinik weiter in ihr Tagebuch schreiben. Ich hoffe sehr, dass dieses Büchlein Ihnen später, wenn alles vorüber ist und Sie gesund zu Hause sind, helfen wird, einige - für Sie - undurchsichtige Erinnerungen besser nachvollziehen zu können. Ich würde mich freuen, wenn Sie uns einmal eine Rückmeldung geben könnten.
Bis dahin weiterhin viel Kraft und Mut! Toi Toi Toi!
Ihre Alina Hausmann (Stationsleitung C2)
Dienstag 16.08.2016
Guten Morgen, Herr Nagel.
ich bin es wieder, Alina Hausmann. Es ist schön zu sehen, welche Fortschritte Sie seit der OP gemacht haben. Sie schauen mich an, Sie versuchen zu sprechen und Sie lachen gemeinsam mit meiner Kollegin Frauke, die ebenfalls gerade in Ihr Zimmer gekommen ist, um nach Ihnen zu schauen.
Noch ist es sehr mühsam für Sie, einen Trinkbecher zu halten oder andere - für Sie früher - normale Tätigkeiten durchzuführen. Aber so lange Sie noch hier sind, werden Sie natürlich auch hier trainiert. Sie müssen wieder Kraft in Ihre Muskeln bekommen. Daher kommen im Verlauf der Vormittags immer Krankengymnastinnen zu Ihnen.
Heute werden Sie in ein anderes Krankenhaus verlegt. Dort sollen Sie von der Beatmungsmaschine abtrainiert werden, je schneller das passiert, um so besser.
Lieber Herr Nagel,
heute werden Sie nach Barmbek ins Weaningzentrum verlegt.
Ich habe Sie speziell in Ihrer kritischsten Phase nach Ihrer Operation betreut. Umso mehr freut es mich, dass es Ihnen jetzt so gut geht!
Ich wünsche Ihnen für Ihren weiteren Genesungsweg alles erdenklich Gute!
Swantje
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Asklepios Klinik, Hamburg-Barmbek
25.08.2016 Lieber Herr Nagel,
Ich bin Medizinstudentin im vierten Semester und mache gerade mein Pflegepraktikum auf der Intensivstation im AK Barmbek. Sie haben mir das Tagebuch der Kolleginnen des Albertinen-Krankenhauses zu lesen gegeben, und ich habe Sie gebeten, auch etwas hineinschreiben zu dürfen.
Ich habe Sie nun schon drei Tage zusammen mit Schwester Lisa betreut. Ich finde es faszinierend, welche Fortschritte Sie in diesen wenigen Tagen gemacht haben. Wir nehmen Sie jetzt mehrmals täglich an den Orator, also den Sprechaufsatz Ihrer Trachealkanüle.
So können Sie dann für eine Weile ganz normal mit uns sprechen. Es ist sehr schön, Ihre Stimme zu hören. Aber auch ohne Sprechaufsatz können Sie recht gut mit uns kommunizieren.
Ich mag Ihren Humor!
Die Olympischen Spiele sind in vollem Gange, und sie wollten unbedingt nachts um 05:00 Uhr die Liveübertragung des Endspiels im Beachvolleyball sehen - und es hat Sie sehr gerührt, dass Laura und Kira die Goldmedaille geholt haben. Deshalb hängt auch eine Postkarte der beiden aus Rio mit Genesungswünschen im Zimmer. Pfleger Ulli hat von Ihrer Homepage ein Bild ausgedruckt, auf dem man Sie beim Fotografieren mit einem Riesen-Objektiv auf der Kamera sieht. Ein wirklich schönes Bild von Ihnen.
Viele liebe Grüße,
Lara
Lieber Herr Nagel,
hier ist die Schwester Lisa. Ich sitze gerade zu Hause am Schreibtisch und habe Ihr Patiententagebuch gelesen. Es ist einfach großartig und berührend! Heute ist Freitag, der 26.08. - alles Liebe und nur das Beste wünsche ich Ihnen zum Geburtstag! Sie haben sich tapfer durchgekämpft. Vorgestern war ja ein besonderer Tag, weil die Kanüle aus Ihrem Hals entfernt wurde. Wir haben mit einem Schluck Cola angestoßen, wonach Sie seit vier Wochen gelechzt haben.
Zuletzt haben Sie noch den Platzhalter im Hals. Dieser sollte aber auch in wenigen Tagen weichen. Es sollte nicht mehr lange dauern, bis Sie Barmbek verlassen und in die REHA gehen. Dort werden Sie mobil und fit gemacht.
Bleiben Sie am Ball und halten Sie die Ohren steif - Sie schaffen das!
Liebe Grüße
Lisa
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Karte von Lara:
Lieber Herr Nagel, ich wünsche Ihnen einen schönen Geburtstag. Es ist richtig toll, dass Sie jetzt die ganze Zeit mit uns reden können. Ihre Sprüche sind manchmal unschlagbar. Ich hoffe, dass der Krankenhausaufenthalt für Sie bald beendet sein wird, auch wenn wir Sie vermissen werden! HAPPY BIRTHDAY !
Lara
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Moin Herr Nagel,
ich erinnere mich ganz genau, als ich Sie das erste Mal betreut habe ... ständig wollten Sie über die Bettgitter steigen, sich die Trachealkanüle ziehen. Anfangs war es sehr nervenaufreibend mit Ihnen.
Später wurden Sie klarer und angenehmer, ich habe Ihnen das erste Mal den Sprechaufsatz aufgesetzt, und Sie fingen sofort an, mir Ihre komplette Lebensgeschichte zu erzählen. Nach vier Wochen erzwungenem Schweigen absolut nachvollziehbar.
Es war eine sehr angenehme Zeit mit Ihnen und ich bedanke mich für Ihr Vertrauen.
Liebe Grüße
Ulli
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