Liebe Frau Schwarzer…
… ich kann Sie eigentlich manchmal ganz gut leiden. Ihre Verdienste um die Rechte der Frauen, die konsequente Ausleuchtung ungenehmer Ecken in einem oft zu bequemen Staat: Respekt. Schlimm genug, dass viele junge Frauen heute nicht verstehen, was Sie und die Ihren für sie erkämpft haben.
Die paar Ausgaben der EMMA, die ich gelesen habe, haben mich qualitativ positiv überrascht, und es wäre allemal von Vorteil, wenn mehr von Ihren Geschlechtsgenossinnen die EMMA statt der FREUNDIN lesen würden.
Sie haben auch ein paar sehr gute Artikel in Zeitungen und Zeitschriften veröffentlicht, die ich regelmäßiger lese. Sie agieren klug im Spannungsfeld von Emanzipation und kultureller Toleranz.
Allerdings wirken Sie in Talkshows immer genau so abgeklärt-herablassend, wie einige der unschöneren Stellen Ihrer Biographie befürchten ließen. Ihr Lachen erscheint mir nicht sympathisch, sondern abwertend, weil es die Aussagen der anderen Diskussionsteilnehmer der Ernsthaftigkeit zu berauben sucht. Dieses darin unausgesprochene “Was der wieder redet…muss ich ja nichts zu sagen, oder?” nervt mich ein wenig.
Wie weit es allerdings mit Ihrer journalistischen Integrität mittlerweile her ist, hat man ja schon bei der BILD-Werbekampagne gesehen, für die sie bereitwillig Gesicht und Reputation hergaben. Sie begründeten den Schulterschluss mit dem durch und durch verkommenen und chauvinistischen Erzfeind damals damit, in die Reihe der Geschichtsgrößen von Ghandi bis Willy Brandt gehöre och auch eine Frau. Sie natürlich. Eitelkeit zeigt sich nicht bloss in Nerzmantel und Sportwagen.
Das nur zur Verortung meiner ambivalenten Meinung über Sie.
Derzeit kommentieren Sie ja in der BILD den Kachelmann-Prozess. Als ob sie keinen schäbigeren Karren finden konnten, vor dem man sie hätte spannen können. “Post von Schwarzer”, frisch von Springer. Man fasst es nicht.
Sie wussten schon vorab, dass Sie sich würden verteidigen müssen: “Grundsätzlich bin ich der Meinung, dass rund 12 Millionen BILD-LeserInnen ernstzunehmen sind. Zweitens ist die Einteilung der Medien in hie Gut und da Böse, hie objektiv und da verantwortungslos schon lange nicht mehr so einfach, wie viele es gerne hätten. Das sehen wir nicht zuletzt am Fall Kachelmann. Drittens scheint es mir gerade in diesem Fall nötig, dass in einem tagesaktuellen, meinungsprägenden Blatt auch die Sicht des mutmaßlichen Opfers ernst genommen wird.”
Als Maßstab große Leserschaft, Moral egal, Hauptsache meinungsprägend? Nach diesem Maßstab können Sie die Arbeit für JEDES Blatt rechtfertigen.
Natürlich haben Sie mit der Kritik gerechnet. Es ist ein zu billiger Reflex, Ihnen zu unterstellen, Sie würden natürlich auf Seiten des Opfers stehen. Das können Sie schlecht bestreiten, also erklären Sie es zu einer Frage der Fairness: Andere “Leitmedien der Republik“ hätten sich klar auf die Seite Jörg Kachelmanns geschlagen. Da müssen Sie gegenhalten. Wer sonst?
Es fällt mir allerdings schwer zu verarbeiten, wie durchschaubar und perfide Sie das tun. Wir können das gerne mal anhand eines beliebigen Beitrags zur BILD-Prozessbeobachtung durchgehen.
“Seither ist die Schuldfrage für eine Mehrheit der Medien – und in Folge auch eine Mehrheit der Menschen – lange vor dem Prozess entschieden. Der Arme: Er ist unschuldig! Die Frau will sich nur rächen. Und das Opfer? Das ist unsichtbar. Gesichtslos bzw. gepixelt, wie eine Verbrecherin.”
Dieses “Der Arme: Er ist unschuldig”-Gerede ist mir nicht wirklich aufgefallen. Im Gegenteil: Die Presse ergötzt sich daran, Kachelmann zu demontieren, als narzisstischen Egomanen mit sexualisiertem Machttrieb darzustellen. Aber vielleicht lesen wir auch verschiedene “Leitmedien”.
Und verstehe ich das richtig: Es missfällt Ihnen also, dass die Identität des Opfers respektiert wird, dass man ihr Gesicht, ihr Leben, ihren Umgang mit den Geschehnissen nicht über den Boulevard zerrt? Die Verpixelung nicht als Opferschutz, sondern als anklagenswerte Verweigerung von Medienpräsenz?
Vor Prozessbeginn sahen Sie das noch genau andersrum: “In einem Forum Emanzipations-matter Männer wurde gar ein Foto der Klägerin, ihr voller Name plus Adresse (inklusive Abbildung ihres Wohnhauses) sowie ihr Autokennzeichen veröffentlicht. Dann kann es ja losgehen.”
Zumindest da sind sie bei Kai Diekmann genau richtig. Der hält ja bekanntlich nicht viel davon, Täter oder Opfer zu verpixeln.
“Notrufe und Beratungsstellen melden schon jetzt, dass vergewaltigte Frauen seit Bekanntwerden des Falles noch mehr zögern als zuvor, Anzeige zu erstatten.”
Was genau wollen Sie damit sagen? Über Vergewaltigungen darf nicht mehr berichtet werden? Oder nur in einer Form, die sich (von den Fakten unbelastet) auf die Seite der Frau stellt? Auch schön, wie sie hier bereits jede Scheu vor der Vorverurteilung verlieren: es geht natürlich um vergewaltigte Frauen. Nicht etwa darum, dass eine Vergewaltigung als Vorwurf im Raum steht. Da können wir uns den Prozess ja gleich schenken, und schnurstracks zum Strafmaß übergehen.
Und wenn Sie schon so eine Behauptung (geringere Meldezahlen bei Beratungsstellen) aufstellen: Können Sie die auch belegen? Oder haben Sie die einfach aus dem Ärmel gezogen?
“Denn der Fall Kachelmann ist längst zum Auslöser für die öffentliche Debatte über sexuelle Gewalt innerhalb von Beziehungen eskaliert.”
Diese Debatte muss ich vollkommen verpasst haben. Ich fände sie wünschenswert, aber nochmal: Vielleicht lesen wir verschiedene “Leitmedien”.
“Die Berichterstattung darüber – vor allem die eindeutige Parteinahme einiger Medien pro Kachelmann noch vor Beginn des Prozesses – schüchtert offensichtlich die Opfer ein. Viele Frauen haben den Eindruck, dass man ihnen eh nicht glaubt und sie sowieso keine Chance haben.”
Frau Schwarzer, es mag Sie überraschen, aber es geht nicht um die Frage, ob man der Kachelmann-Geliebten glaubt. Es geht um die Wahrheit. Viele Frauen werden vergewaltigt. Einige nutzen den Vorwurf, um ein Ziel zu erreichen. Niedere Motive sind nicht geschlechtsspezifisch.
“Aufgrund von Erhebungen geht man heute in Deutschland von mindestens 90 000 Vergewaltigungen im Jahr aus. Jede zweite Vergewaltigung passiert zu Hause, wie angeblich auch im Fall Kachelmann. Der Täter ist der eigene Mann oder Freund bzw. Ex-Mann.”
Das ist schlimm. Aber Kachelmann kann man kaum für 90.000 Vergewaltigungen verantwortlich machen. Es bleibt zu sehen, ob man ihn auch nur für EINE verantwortlich machen kann.
“Doch nur acht Prozent aller Vergewaltigungen werden überhaupt angezeigt. Und nur bei jeder siebten Anzeige steht am Ende die Verurteilung des Täters.Gleichzeitig signalisieren die Statistiken, dass Vergewaltigung das Verbrechen mit den geringsten Falschanschuldigungen ist: Nur in drei von hundert Fällen lügt die Frau.”
Wir bewerten den Vorwurf der Vergewaltigung jetzt statistisch? Demnach gibt es eine 97prozentige Wahrscheinlichkeit, dass Kachelmann ein Vergewaltiger ist? Bin ich FROH, dass Sie nicht unser Rechtssystem bestimmen…
“Was bedeutet: Nur jeder hundertste Vergewaltiger muss auch dafür büßen. Vergewaltigung ist also ein quasi strafloses Verbrechen.”
Das ist so widerlich wie falsch. Wenn nur acht Prozent aller Vergewaltigungen angezeigt werden, ist dann die geringe Verurteilungsquote nicht erst einmal ein Problem der Frauen, die nicht zur Polizei gehen?
“Wollte sie das nicht selber? Hat sie ihn nicht provoziert? Waren das nicht die üblichen Sexspielchen? Und hat der eigene Mann/Freund nicht eigentlich ein Recht auf Sex?”
Ältere und abgeschnittenere Zöpfe haben Sie nicht finden können? Diese Gruselsprüchlein sind aus der Mottenkiste der EMMA-Rhetorik. Ein Strohmann-Argument. Zeigen Sie mir, wo das im Fall Kachelmann so behauptet wurde/wird.
“Schließlich gibt es das Gesetz gegen Vergewaltigung in der Ehe überhaupt erst seit 13 Jahren. Bis dahin war dieses Verbrechen ein Kavaliersdelikt.”
Eben. Aber nicht mehr. Das war im letzten Jahrtausend. Was hat das mit der aktuellen Diskussion zu tun?
“Sollte das Gericht die Wahrheit nicht herausfinden und käme es auf einen Freispruch „Im Zweifel für den Angeklagten“ raus, dann wäre das eine Katastrophe. Und zwar nicht nur für die Ex-Freundin und Jörg Kachelmann, sondern für Millionen Frauen. Sie, die endlich angefangen haben zu reden, würden wieder verstummen.”
Das musste ich wirklich mehrfach lesen, um es zu glauben. Wenn das rechtsstaatliche Prinzip “Im Zweifel für den Angeklagten”, sicher eine der Grundfesten unserer Ordnung, greifen sollte, wäre das eine Katastrophe? Im Umkehrschluss sollte man Kachelmann also im Zweifelsfall besser verurteilen? Weil es den Frauen Mut machen würde?
Erst war ich schockiert, als ich las, dass Sie den Kachelmann-Prozess nicht für FAZ, taz, oder SPIEGEL begleiten, sondern für BILD. Jetzt bin ich schockiert, mit welcher Leichtigkeit und Nonchalance Sie sich die miesesten verleumderischen Methoden der Springer-Presse zu eigen gemacht haben. Es geht nicht um Recht und Gerechtigkeit, es geht nur um Ihre Klientelpolitik, Ihre völlig verzerrte Sichtweise nach dem Motto “Recht ist, was unserer Sache dient”.
Diekmann, Wagner, Müller-Vogg, Schwarzer – passt besser, als ich je gedacht hätte.
“Jede Wahrheit braucht eine Mutige, die sie ausspricht” – schade, dass Sie das nicht mehr sind.


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